Simon
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Danilo Kiš' essays about the homeless one
Review of Danilo Kiš, Der Heimatlose
The book: Danilo Kiš: Der Heimatlose. Erzählungen. Transl. by Ilma Rakusa. Munich: Hanser 1996 (= edition akzente).
The following text has been published in: Falter 40/96, Vienna 1996, suppl. p. 16.
Reliquiae Reliquiarum
»Die Schrift ist die Rache des Geschöpfs und seine Antwort auf eine verpfuschte Schöpfung«, heißt es einmal bei E. M. Cioran. Manichäische Theologie, der zufolge wir die halbfertig liegen gelassene Kreation eines bösartigen oder unfähigen Demiurgen bewohnen (und sind), wird hier umfunktioniert zu einer Konzeption des radikalen Schreibens, die heute, angesichts von so viel Literatur »light«, beinah altmodisch wirkt. In Danilo Kiš hat Cioran einen - bescheidener auftretenden - Bruder im Geiste. Auch er verlangt vom Werk das Unmögliche, nämlich dass es sich, dank seiner Form, »dem Einflussbereich von Finsternis und Nichtigkeit« entziehen möge (wie es in dem 1994 erschienenen Essayband »Homo poeticus« heißt). Postmodernes Lächeln ist nicht angesagt: warum sollte es angesichts der Hölle auf Erden, die unser Jahrhundert mit seinen Konzentrations- und Arbeitslagern verwirklicht hat und verwirklicht, überspannt sein, auch die Instanz des Rettenden herüberzuholen aus dem Jenseits und ihr eine irdische, ziemlich fragile, gefährdete Gestalt - die Literatur - zu geben?
Für Danilo Kiš jedenfalls heißt das, der »Ewigkeit des Nichts« irgend ein eigenes Tun, eine individuelle Stimme entgegenzuhalten (nicht, jene zu leugnen und in einen kristallinen Kosmos literarischer Fiktion zu fliehen). Die Hinfälligkeit des Daseins ist bei ihm als Thema und Vorgabe seiner Erzählungen und Romane allgegenwärtig. Schon die autobiographisch gefärbte Trilogie »Garten, Asche«, »Frühe Leiden« und »Die Sanduhr« sollte ein »Grabmal über einem leeren Grab« darstellen; sein ungarisch-serbisch-jüdischer Erbauer, dessen Vater 1944 in Auschwitz verschwand, hat es sowohl der verlorenen Kindheit gesetzt als auch der ausgelöschten Kultur, der er entstammt.
In dem jetzt erschienenen Nachlassband taucht dieser Ausgangspunkt wieder auf, doch ist er, dem Genre der kurzen Erzählung entsprechend, aus der weltgeschichtlichen Dimension zurückgenommen auf das Leben einzelner Menschen. Fast alle Geschichten kommen - als Titel - in einem oder mehreren der sieben provisorischen Inhaltsverzeichnisse vor, die Kiš für seinen 1983 publizierten Erzählband »Enzyklopädie der Toten« erstellt hatte - aber keine davon ist letztlich darin aufgenommen worden, und das hat seinen Grund: während in jenem Band die Möglichkeiten der fiktionalen Erzählung erprobt werden, stellen die nun veröffentlichten Texte Versuche dar, nicht-fiktionale Geschichten - mit anderen Worten: reale Begebenheiten - zu gestalten. Statt ums Hinzuerfinden, um ein Ausmalen, solang, bis eine ideale Notiz, ein idealer »Lexikoneintrag« entsteht, geht es hier um Reduktion und uns das Weglassen allzu vieler Details - mit demselben Ziel eines Textes, in dem schnittpunkthaft die Kräfte der Erinnerung und die der Einbildungskraft wirksam werden.
Die Schrift als Rache des Geschöpfs, als Antwort auf den Tod: auf den seltsamen, symbolträchtigen Tod Ödön von Hórvaths (»Der Heimatlose«), den Tod Ivo Andrics in einem Belgrader Krankenhaus (»Die Schuld«), den Freitod eines unbekannten, unangepassten und zur Anpassung gezwungenen Dichters (»Der Dichter«), den Tod eigener Bekannter (»Das Lautenspiel und die Narben«), den Selbstmord jenes Piotr Rawicz (»Jurij Golez«), dessen einziger Roman vor kurzem auch auf deutsch erschienen ist. Bei seinem Begräbnis hat Kiš neben dem Grab eine tote Ratte bemerkt - und sich plötzlich an eine Stelle in Rawicz' Roman erinnert, aus dem die Ratte offenbar direkt auf den Montparnasser Friedhof gefunden hatte: »Denn nichts ist beständiger als die große Illusion künstlerischen Schaffens; hier geht keine Energie verloren«, wie eine Wolke schwebt sie über dem Abgrund, in den der Mensch versenkt wird, bis auch hier - Kiš weiß es wohl - der Wind den letzten Rest zerstäubt.
Danilo Kiš starb 1989 im Pariser Exil.
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