Simon
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On Elias Canetti's Notes
Review of Elias Canetti, Aufzeichnungen 1992-1993
The book: Elias Canetti: Aufzeichnungen 1992-1993. Munich: Hanser 1996.
This review has been published in: Falter 40/96, Vienna 1996, suppl. p. 14.
»Und wen soll ich um die letzte Wahrheit bitten?«
Seit 1942 hat Elias Canetti - anfangs als Ventil während der Arbeit an »Masse und Macht« - Aufzeichnungen verfasst. Kontinuierlich veröffentlicht, sind sie zu einem zentralen Bestandteil seines Werks geworden, das nun, mit den Aufzeichnungen 1992-1993, abgeschlossen ist.
Funkensprühend - sein Licht muss sich jeder selber damit anzünden. Kurz, dass es kürzer nicht geht: nur ja keine Wörter vergeuden!
Vor allem von den späten 70er Jahren an ließ sich hinter Canettis Aufzeichnungen der »Stilwille« (nicht umsonst ein expressionistisches Vokabel) rigoroser Knappheit und sprödester Kürze ausmachen. Ein einfacher Satz schon schien zu lang, vor allem aber: war verdächtig. Er könnte, Gott behüte, einen ganzen, fertigen Gedanken darstellen, könnte Konsequenz schon anbieten, Denken nachahmbar machen und also aushöhlen. Nur allerkomprimiertesten Benennungsblitzen ist das Imprimatur erteilt worden, nur sie hielt Canetti für geeignet, den - nach dem Tod - größten aller Feinde, das System, dauerhaft zu unterwandern. Die zornige Verwahrung gegen ein solches, die Canetti kultivierte, hatte etwas von einem Exorzismus. Auszutreiben war, was der Autor 1949 als Sentenz notiert hatte und was sich offenbar allzu leicht in eine Prophezeiung verwandelt hätte: »Alles wird von Jahr zu Jahr bedeutungsvoller. Der Alternde wird in Bedeutungen ertrinken.«
Erleichtert stellen wir fest, dass der Exorzismus erfolgreich war: in Canettis letzten Aufzeichnungen aus den zwei Jahren vor seinem Tod ist der Paroxysmus der Verknappung wieder einem geschliffenen Aphorismenstil gewichen; manchmal finden sich sogar essayartige Exkurse, wie sie bei ihm in den 50er und 60er Jahren so häufig waren. »Durch Joubert ist er vor den Pointen gerettet worden. Was soll Witz, wenn man etwas zu sagen hat?«
Canetti hat jene unwirsch hingeworfenen Denkbrocken, jene nackerten Wortgeschoße ohne Verb wieder in Kleider gesteckt: doch gefälliger geht es unter der Oberfläche des wiedergewonnenen Satzbaus deswegen nicht zu: kaum ein Notat, das nicht eher degustiert als verdaut, eher weitergedacht anstatt angeeignet oder verwertet werden sollte. Canetti macht einem das Selberdenken zur Aufgabe, aber er erfuchtelt es sich nicht mehr - trotz seiner Heftigkeit.
Denken worüber? Zunächst über die lebenslänglichen Themen: Maske, Mythos, Verwandlung; Tiere und Leidenschaften; Macht, Überleben und Tod. Dann Reflexionen auf die eigene Lektüre (Proust z.B., Musil, Lévi-Strauss); Zeitzeugenschaft (Freundschaften; der Bosnien-Krieg); einiges Neues: der künstliche Mensch, das Alter, der Ruhm, die Geduld, das Zögern. Am Schluss hat man nicht bemerkt, dass es zu Ende ist. Noch in der Art der Zusammenstellung hat Canetti geleugnet, was zu leugnen er nicht müde wurde: die Einwilligung in den Tod. Kein Abschied, keine Coda, kein vom Sterbebett gehauchtes Wort.
Kein Testament.
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