Simon
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On a new edition of Kafka's “Trial”
Interview with Roland Reuß, editor of a new fac-simile edition of Kafka's works:
Franz Kafka: Der Process. Faksimile-Edition. Hrsg. v. Roland Reuß unter Mitarbeit v. P. Staengle. Basel-Frankfurt a.M.: Stroemfeld/Roter Stern 1997.
This text has been published in: Falter 42/97, Vienna 1997, supplement p. 4.
»Der Process« als Prozeß
Kafkas Werk ist ein fast zur Gänze nachgelassenes Werk. Was dem Autor nicht gelungen war - druckfertige Manuskripte herzustellen -, wird seit seinem Tod von Herausgebern versucht - mit wechselndem Erfolg. Aus ihrem Standpunkt scheint Kafkas Werk eine, wenn auch großartige, Katastrophe zu sein, die in dieser Form dem Leser nicht zugemutet werden könne: und so hat Kafkas mühsame Schreib-Arbeit den Weg ins häusliche Regal in Form von »Romanen« gefunden, mit Anfang, fortlaufenden Kapiteln und einem Schluss, hübsch gebunden zwischen zwei Buchdeckeln: Die Lust am Offenen war gezähmt, und die Katastrophe blieb auf der Strecke. Der Stroemfeld-Verlag widersetzt sich dieser herausgeberischen Besserwisserei und präsentiert den ersten Textband einer neuen historisch-kritischen Kafka-Ausgabe.
Ein Gespräch mit dem Herausgeber Roland Reuß.
sw Herr Reuß, am 2. Jänner 1995 hat der Stroemfeld-Verlag seine Historisch-kritische Franz-Kafka-Ausgabe (FKA) angekündigt und nach einem Einleitungsband vor zwei Jahren ist jetzt als gewichtiges editorisches Ereignis der erste Textband, das Romanfragment »Der Process«, erschienen. Zwei Besonderheiten fallen sofort auf. Erstens handelt es sich nicht um ein Buch im gewöhnlichen Sinn, sondern um einzeln geheftete Kapitel in einem Schuber, und zweitens besteht der »Text« aus Faksimiles von Kafkas Handschriften in Originalgröße, denen jeweils eine typographische, also nicht-zeilengebundene Umschrift gegenübergestellt ist, die den Prozeß des Korrigierens auch im Gedruckten nachvollziehbar macht. Was ist damit gewonnen?
RR
Zunächst zur vollständigen Faksimilierung, die eines unserer grundlegenden Editionsprinzipien ist. Sie bedeutet, daß sich jeder Leser selbst ein Bild von der Arbeit Kafkas machen kann. Eine nachträgliche »Verbesserung« (also Weiterdichtung) der Kafkaschen Handschriften durch die Herausgeber ist ausgeschlossen. Auch erhält die immanente Reflexion Kafkas auf den Handschriftencharakter seines Werkes nun einen adäquaten Stellenwert in der Werkausgabe. Man kann nicht immer nur davon reden, dass diese Dimension für Kafkas Arbeitsprozess zentral war und sie gleichzeitig dem Leser vorenthalten.
Ein anderer wichtiger Aspekt ist, daß durch unser Verfahren die Handschriften dauerhaft gesichert und gegen die leider gar nicht so seltenen Zufälle der Vernichtung besser geschützt werden.
sw Von Kafkas Texten gibt es bereits zwei Editionen, jene seines Freundes und Nachlaßverwalters Max Brod aus den Jahren nach Kafkas Tod, die das Verdienst hat, aus einem relativ Unbekannten einen Autor von Weltgeltung gemacht zu haben, und die historisch-kritische des S. Fischer Verlags, die in den achziger Jahren zu erscheinen begann. Konnte man damit nicht zufrieden sein?
RR
Max Brod stand in den späten 20er Jahren, als er Kafkas Nachlaß zu publizieren begann, vor der schwierigen Situation, daß der Roman die maßgebliche Literaturgattung war. Von daher und mit dem Ziel vor Augen, Kafkas Werk zu etablieren und durchzusetzen, war es in gewisser Weise sinnvoll, Kafkas Texte (Der Process, Das Schloss, Der Verschollene) als »Romane« zu verkaufen, aber wenn man das wollte (und Brod wollte es), so mußte man große Kompromisse eingehen und alles tun, um die Texte so einheitlich und so wenig fragmentiert wie möglich erscheinen zu lassen. Das ging nur durch starke Überarbeitung, durch Streichen, Glätten und Fortlassen, und so ist seine Ausgabe eigentlich eher eine Redaktion als eine Edition.
Die neuere Ausgabe des S. Fischer Verlags bezweckte dagegen eine vollständige Darstellung der Überlieferung nach den Maßstäben der Textphilologie. Uns fiel jedoch bei näherer Prüfung auf, daß wir es auch hier mit einer redaktionell überarbeiteten Ausgabe zu tun haben, die es an nicht wenigen Stellen - stillschweigend - besser weiß, als der Autor es gewußt hat. Vor allem nimmt sie Kafkas eigene Schreib-Arbeit, sein Sich-Abmühen in der Schrift - all das Korrigieren und unvollständig wieder Zurückkorrigieren, dieses auch in der handschriftlichen Mikrostruktur offenbare, für Kafka so charakteristische In-der-Schwebe-Lassen - nicht so ernst, wie man es erwarten sollte. Wäre es anders, hätte man schon damals eine Faksimile-Ausgabe in Angriff genommen. Einige Mitarbeiter haben das ursprünglich auch vorgeschlagen, konnten sich aber nicht durchsetzen.
sw Manchen Lesern könnte es aber scheinen, daß die von Ihnen jetzt radikal angewandten Editionsprinzipien quasi im genauen Gegenzug zu Brod einem Kult des Fragments huldigen, ohne Rücksicht auf die Leser und auf das, was Kafka wollte…
RR Wie ich gerade angedeutet habe, sollte ein Herausgeber nicht zu wissen beanspruchen, was Kafka »wollte«, zumindest nicht besser als Kafka selbst. Und die Leser … - auch im Hinblick auf sie muß es zunächst einfach darum gehen, möglichst adäquat darzustellen, was überliefert ist.
sw Daraus ergibt sich wohl auch die außergewöhnliche Editionsform: für jedes Kapitel ein einzelnes Heft, in einem Schuber nur zusammengefaßt, nicht aber zusammengebunden?
RR So ist es. Man kann aus der »Process«-Handschrift nicht einfach einen Roman herstellen, wenn für Kafka selbst zu dem Zeitpunkt, an dem er von dem Manuskript abließ, unklar war, in welcher Reihenfolge die (teilweise in sich wiederum unabgeschlossenen) Kapitel stehen sollten. Dies dennoch zu tun, heißt, die handschriftliche Überlieferung gewaltsam einem ihr selbst äußerlichen Imperativ, dem der Buchform, unterwerfen.
sw Im Falle des »Processes« hat sich das Editionsprinzip gerade noch buchtechnisch verwirklichen lassen. Müsste nicht ein analoges Verfahren bei Kafkas Notizen konsequenterweise so etwas wie Duchampsche »Schachteln« ergeben, also ungeordnete Pakete mit faksimilierten »Zetteln«?
RR
Ich denke, Sie machen sich hier falsche Vorstellungen von der Nachlaßlage. Kafka hat fast alle seine Handschriften der Form des Heftes anvertraut. In den meisten Fällen, die uns bei ihm begegnen, wird es nur darauf ankommen, die Hefte, die ja als solche überliefert sind (und nicht etwa, wie beim »Process«, aufgelöst wurden), genau so zu edieren, wie sie vorliegen. Einzelblätter sind die große Ausnahme.
Der darstellungstechnisch schwierigste Teil war sicherlich der Process. Nur hier, wo Kafkas Verhältnis zum Heft am gespanntesten ist, mußten wir sozusagen an die Grenze des Buches gehen.
sw Die FKA beruht also auf »basisdemokratischen« Editionsprinzipien, aber angesichts des Preisniveaus scheint eine wirkliche Verbreitung ähnlich der, welche die Brod-Ausgabe zustandegebracht hat, von vornherein illusorisch.
RR Es stimmt, der »Process« mit seinen bald 800 Seiten kostet zusammen mit CD in der Subskription knapp 300.- DM. Wenn Sie sich aber die Qualität des Papiers und der Faksimiles ansehen und dann vergleichen, was ein normales Taschenbuch kostet, werden Ihnen die Relationen schnell deutlich werden. Da wir keinerlei öffentliche Förderung oder Druckkostenzuschüsse erhalten, können wir bei dem Projekt froh sein, wenn am Ende keine Unkosten übrigbleiben. Und außerdem: für ein doofes Tennisspiel oder den fünfundneunzigsten Auftritt dreier alternder Knödeltenöre sind die Leute bereit, ohne weitere Rechtfertigung verhältnismäßig mehr Geld auszugeben. Wer unsere Ausgabe subskribiert, hat ja nicht nur das Vergnügen, Kafka beim Schreiben zuzusehen. Er trägt - es ist mir fast unangenehm, das so emphatisch zu sagen - zur Sicherung einer der bedeutendsten Hinterlassenschaften des Abendlandes bei.
sw Herr Reuß, vielen Dank für das Gespräch.
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