Simon
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Roubaud on poetry and memory
Review of “Dichtung und Erinnerung” (Poesy and Remembrance)
Jacques Roubaud: Dichtung und Erinnerung. Die Erfindung des Sohnes von Leoprepes. Transl. by A. Vallazza. Wien/Lana: ed. per procura 1996.
This text has been published in: Falter 40/96, Vienna 1996, suppl. p. 16.
Pindar plagiiert Perec
Dichten heißt nie nur Schreiben, sondern auch Nachdenken übers Schreiben. Jacques Roubaud, als Mitglied der Gruppe Oulipo gewohnheitsmäßig vorbelastet, hat aus dem Nachdenken ein Buch gemacht.
1985 (auf deutsch 1989) war der erste von Jacques Roubauds Hortense-Romanen erschienen. Manche werden sich erinnern, dass sie die Heldin im zehnten Kapitel in "Die Bibliothek" begleiten durften. Unberechenbar ist die Phantasie der Lesenden, und so wollen wir bemerken, dass "Die Bibliothek" für einige auffallende Ähnlichkeit mit gewissen Institutionen hatte, die in Wien ansässig sind … Wie auch immer, wir mussten dadurch vom herzzerreißenden Fall jenes Spezialisten für Renaissance-Rhetorik Kenntnis nehmen, der, zermürbt von den Strategien "der Bibliothek", die eifersüchtig ihre Bücher vor möglichem Gebrauch schützte, eines schönen Tages vor versammelter Presse und im Beisein von Frau und Kindern in Tränen aufgelöst bekanntgab, dass er auf seine Forschungen verzichten und sich fürderhin dem Immobilienhandel zuwenden wolle.
Tragisches Schicksal, trotz der zu vermutenden Häufigkeit solcher Fälle! Wir können freilich dankbar sein, dass der sonst so schnell auftauchende Verdacht, es handle sich bei einer Textstelle um eine versteckte autobiographische Anspielung des Autors, hier ausnahmsweise unrichtig sein muss.
Jacques Roubaud hat nämlich seine Renaissance-Autoren gelesen, und als Fingerübung hat er daraus, nach drei Hortense-Romanen, die allesamt, was gleich zu erläutern sein wird, Krimi-Plagiate sind, das gelungene Plagiat einer Wissenschaftlichen Abhandlung destilliert. Wieder ist eine Bemerkung fällig, diesmal über ein Wort, das von der Literaturkritik ängstlich gemieden wird: "Plagiat". Wir könnten das Skandalon umgehen, indem wir es unverfänglicher tauften, Palimpsest oder so, doch wozu? OULIPO, die Literatengruppe, der Roubaud selber angehört, hat das Plagiieren in ihr Literaturverständnis integriert. Auf der Erkenntnis fußend, dass man beim Schreiben notwendigerweise Formzwängen unterliegt, machen sich die Oulipoten diese lieber bewusst zunutze, anstatt sich auf Inspiration und die traumwandlerische Sicherheit des Unbewussten zu verlassen. Formzwänge aber sind Regeln, und Regeln sind wiederholbar, d.h. plagiierbar.
Ein berühmtes Beispiel: Georges Perec, Großmeister von OULIPO, hat es geschafft, einen Roman zu schreiben, der ganz ohne Wörter auskommt, welche den Buchstaben "e" enthalten (und der auf Französisch sinnigerweise La disparition, "Das Verschwinden", heißt. Die Rede ist da - soviel zur "gesellschaftlichen Relevanz" solcher "Experimente" - freilich nicht nur vom verschwundenen "e", sondern auch von einer möglichen verschwundenen "E." und von den (genauso ausgesprochenen) verschwundenen "eux", also "ihnen", z.B. den in Lagern verschwundenen Eltern von Perec.) Diese Idee ist nun keineswegs neu. Schon Pindar soll eine Ode gedichtet haben, in der kein "s" vorkommt - da haben wir das Plagiat! Pindar hat Perec plagiiert! Und Raymond Queneau, 1960 Gründungsmitglied des Ouvroir de littérature potentielle (OULIPO, "Werkstatt für Möglichkeitsliteratur"), hat, noch bevor es OULIPO gab, ein wahrhaft oulipotisches Werk - seine berühmten Stilübungen - geschrieben und damit vorwegnehmend sich selber plagiiert...
Warum sollten wir es also bedauern, wenn Roubaud, nachdem er in den Hortense-Romanen die Formzwänge des Krimis erkundet hat, nunmehr die einer Wissenschaftlichen Abhandlung erprobt und damit schon wieder andere dazu verurteilt, ihn plagiiert zu haben?
Wie sich das so gehört, hat seine Wissenschaftliche Abhandlung einen konkreten Gegenstand; und wie wir es von einem, der Dichter ist, erwarten dürfen, ist dieser Gegenstand die Dichtung. Außerdem - und auch das liegt nicht außerhalb des aus dem bisher Gesagten Erschließbaren - ist des Autors Auffassung von Dichtung geprägt durch sein Oulipoten-Dasein, auch wenn er die eher technischen, formalen Aspekte des Schreibens, die Frage der Herstellungsregeln und Formzwänge, gar nicht berührt. Und schließlich wollte unser Autor ja wohl ein ganzes Buch schreiben, weshalb er mit seinen Weisheiten nicht sofort herausrückt, sondern sich ihnen auf ebenso gelehrten wie interessanten (Um-)Wegen nähert.
Was daraus geworden ist? - Keine Schreibschule, keine Regelpoetik, sondern so etwas wie eine philosophische Ästhetik, der Versuch, die Dichtung im Kontext der übrigen geistigen Tätigkeiten zu verorten. Roubaud holt weit aus - Exkurse in die Welt der Gedächtnistheater der Renaissance-Philosophie, der Dialoge Platons, neuropsychologischer Fallgeschichten - und kehrt mit schönen Aphorismen zur Dichtung als Erfahrungsraum zurück.
Dichtung - jene verflixte Sache, deren Bedeutung weder in einem Verweis auf äußere Realität noch in der Evokation einer Surrealität des Traumes besteht, sondern in der Erinnerung ihrer selbst im Spiel-Raum der Sprache. Weil sie es mit Konzepten zu tun hat, hat Dichtung mit Erinnerung zu tun. Sie ist immer schon - Plagiat.
Das Alphabet ist von Homer erfunden worden. Wir schreiben es nur ab, aber wir schreiben es neu.
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