Simon
WWWagner . org
The body without organs as becoming-organ
Towards a philosophy of the organ
A first draft of this text was presented at the Academy of Fine Arts Vienna during a workshop dedicated to the topic of the body without organs, organized by Eric Alliez and Stephen Zepke. The version presented here has been published in the volume Biographien des organlosen Kürpers, ed. by Éric Alliez and Elisabeth Samsonow, Turia+Kant, Vienna 2003, pp. 223-246. Thanks to Elisabeth von Samsonow and Florian Braitenthaller for critical reading.
An english translation is currently being prepared, but is not yet finished.
Der organlose Körper als Organ.
Ansätze zu einer Organphilosophie
Einleitung
Im Sog, der vom Namen des organlosen Körpers ausgeht, drängt sich, aus Gründen, die vielleicht mit der Verfasstheit der Moderne überhaupt zu tun haben, sehr schnell ein pathetisches Verständnis von »Losigkeit«1 auf. Denn die Moderne hat sich selbst über die Aufgabe projektiert, die politischen, ideologischen und kulturellen Sedimentationen von mehr als zweitausend Jahren »Abendland« aufzubrechen, und in die Ungewissheit des Neuen einzutauchen; schon Nietzsche hatte diesem Projekt jedoch die Einsicht mit auf den Weg gegeben, dass die geforderte »Umwerthung aller Werthe«, die Arbeit am Zerbrechen des Erstarrten, von der immer gegenwärtigen Gefahr eines nihilistischen Kurzschlusses bedroht ist und dass das »beständig Schöpferische« auf diese Weise verfehlt werden kann2. Die Pathetik der »Losigkeit« - und das gilt nun auch für ein dem organlosen Körper aufgesetztes Pathos - bestünde daher im Vergessen der Tatsache, dass Losigkeit die Fülle des Unverstellten bedeutet; und sie würde eine Lesart induzieren, der Deleuze und Guattari von Anfang an durch das Modell einer suborganismischen Wachsamkeit entgegengearbeitet haben3. Die reelle und unsentimentale Losigkeit des organlosen Körpers meint nämlich zunächst vor allem, dass dieser sich der Organe als Agenten eines »Organismus« entledigt hat. Es geht um einen Exorzismus der Besessenheit von Organen durch Organismen, weniger um einen der Organe selbst. Damit ist die Chance eröffnet, nicht nur den organlosen Körper, sondern auch das organismuslose Organ einer philosophischen Würdigung zu unterziehen.
Tatsächlich scheint nun der Begriff »Organ« spätestens seit dem Neuplatonismus ein Begriff mit enormen spekulativen Valenzen zu sein, genauer gesagt: ein medienphilosophischer Schlüsselbegriff ante litteram4. Im folgenden ersten Abschnitt sollen diese Valenzen mit erneutem Bezug auf das Werk von Antonin Artaud herausgearbeitet werden; der zweite Abschnitt unternimmt ihre historisch umschauende Reaktivierung in einer allgemeinen philosophisch-anthropologischen Perspektive; im dritten Abschnitt schließlich wird versucht, in dieser Perspektive eine Sicht auf gegenwärtige kulturschaffende Praxis als »Arbeit am Organ« aufzutun.
Mein Ausgangspunkt ist, dass jedes Schaffen oder Kreieren von Organen, sei es als autopoetische innersystemische Emergenz, sei es als Konstruktion und artifizielle Intervention, ein Experiment darstellt. Weit davon entfernt, sich nur als Rezeptakel oder Relais für die totalitären Semantiken des Organismus zu bilden, schließen sich Organe genauso beständig in den Stromkreis anderer, »subversiver« (»deterritorialisierender«) und anti-organismischer Beeinflussungen und prozessieren deren »Einfluss-Nahme«. Organismus - der große Feind von Deleuze/Guattari, und nach den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts wohl mit Recht - erweist sich als nur ein Regime solcher Beeinflussung. Nur ihm gegenüber müssen sich Organe als eisig kalt, abgekehrt und undurchdringlich erweisen. Sich Organe aber als generell unbeeinflussbar, d.h. a medial, zu imaginieren (d.h. als nicht anders beeinflussbar als durch einen Organismus), würde bedeuten, dem nicht-organismischen Organ in seiner Fähigkeit, ein Werden in Gang zu setzen oder zu vermitteln, nicht gerecht zu werden - es würde bedeuten, sich um die Möglichkeit zu bringen, Organpolitik zu betreiben.
I.
Wenn es also um die Frage geht, »Wie gelangen wir zu einem organlosen Körper?«, so ist die Antwort: nur durch das Schaffen, die Konstruktion oder den Gebrauch, d.h. das Entwerfen oder Pro-jizieren eines geeigneten Organs. Wir gelangen in den Genuss des organlosen Körpers nur, indem wir uns in Organe hinein entwerfen, und diese Organe sind, in einem theoretisch umfassenden Sinn, Medien: »Maschinen«, die sich außerhalb unseres biologischen Körpers materialisieren und die eine diesem gegenüber veränderte (Inter )Aktionsbasis darstellen.
Der Blick auf Artaud ist hier aufschlussreich. Bekanntlich sind es sein Insistieren auf den oK, seine Beschwörungen des oK, die Deleuze/Guattari als (organ )politische Aktion gegen die »Behandlungs«-Erfahrungen aus der psychatrisierenden Internierung in Rodez und anderswo lesen und weiterentwickeln. Freilich hat Artaud schon wesentlich früher begonnen, sich der Idee des eigenen Körpers als Manifestationsort von Regulationen und der des Organs als Exekutive dieser Regulationen zu verweigern; und er hat diese Haltung oder diese Praxis zunächst weitgehend über seine schauspielerische und theatralische Praxis begriffen.
Bis Anfang der 30er Jahre war Artaud für das Kino engagiert5: als Marat in Napoleon von Abel Gance, als Mönch Massieu in Carl Theodor Dreyers La passion de Jeanne d'Arc; in dieser Zeit hat er, begeistert von der Zusammenarbeit mit Dreyer, der Kinokunst - der Gewalt des bewegten Licht-Bildes - jene effektive, physio-invasive Realität attestiert, die er wenig später, nachdem er sich vom Kino abgewandt hatte, seinem Theater der Grausamkeit zuschrieb6. Er entwirft die »Idee eines Kinos des Sehens, in dem die Psychologie selbst von den Akten verschlungen wird«:
»Es handelt sich nicht darum, in der Sprache des Sehens etwas der geschriebenen Sprache Gleichwertiges zu finden, von dem die Sprache des Sehens nur eine schlechte Übersetzung wäre, sondern durchaus darum, das Wesen der Sprache selbst hervortreten zu lassen, und die Handlung auf eine Ebene zu übertragen, wo jede Übersetzung nutzlos werden würde und wo diese Handlung beinah wie durch Eingebung auf das Gehirn wirkt.«7
Das heißt, wenn wir die Pragmatik dieser Deklamation mitlesen: weit davon entfernt, sich zum »organlosen« Körper zu machen, hat sich Artaud zum Körper ohne Organe für ... den herrschenden Organismus gemacht. Er hat dem Organismus seine Organe genommen, das ist richtig. Aber: er hat ihm auch neue Organe eingepflanzt, Organe, die diesen Organismus bekämpfen und mit konspirativen Netzwerken durchziehen, welche ihn von innen her auflösen (oder auflösen sollen). Wir müssen diese Organe freilich als solche erkennen und benennen: die technische, mediale Intervention des Kinos ist ein solches Organ, und das Ritualhafte des Theaters wird es ebenfalls sein.
Lesen wir als einen der Schlüsselsätze für diese Deutung noch einmal Artauds Ausruf, »Es gibt nichts Sinnloseres als ein Organ«8. Es wird hier durchaus ein Verwerfen artikuliert, aber doch ein Verwerfen im doppelten Sinn des Wortes. Prima facie lässt sich der Satz in der Tat als ein Aufruf lesen, die Organe »loszuwerden«: Organe? So ein Schwachsinn, weg mit dem Zeug!9 Doch ist offensichtlich von einem Loswerden der Organe hier nicht die Rede; es ist die Rede von ihrer Sinnlosigkeit, und diese kann nicht nur als ein Mangel, sondern auch als ein Einsatz gedeutet werden. Die Sinnlosigkeit, das Proletariat der Organe, lässt sich einsetzen und zu einem Aufstand gegen den oktroyierten Sinn anstiften. Die Sinnlosigkeit der Organe ist eine Waffe10.
D&G haben im Übrigen nicht verabsäumt, darauf hinzuweisen, dass es primär um etwas anderes geht als die Verabschiedung des Organs: der oK ist »keineswegs das Gegenteil der Organe […]. Die Organe sind nicht seine Feinde. Der Feind ist der Organismus. Der oK widersetzt sich nicht den Organen, sondern jener Organisation der Organe, die man Organismus nennt.«11
Worum aber geht es dann? Wie ist einem solchen Feind beizukommen? Einem Feind, der doch kein einfaches Gegenüber ist, wenn es uns auch vielleicht umzingelt hätte oder aus einem Hinterhalt angriffe, sondern der uns infiltriert hat und aus unserem Inneren heraus wirtschaftet?
»Der Organismus ist keineswegs der Körper, der oK, sondern eine Schicht auf dem oK, das heißt, ein Phänomen der Akkumulation, der Gerinnung und der Sedimentierung, die ihm Formen, Funktionen, Verbindungen[,] dominante und hierarchisierte Organisationen und organisierte Transzendenzen aufzwingt, um daraus eine nützliche Arbeit zu extrahieren. Schichten sind Bindungen, Zangen. […] Wir werden unaufhörlich stratifiziert. Aber wer ist dieses Wir […]? Wir antworten jetzt: der oK, er, die eisige Realität, in der sich diese Ablagerungen, diese Sedimentierungen, Gerinnungen, Faltungen und Umklappungen ausprägen, die einen Organismus bilden - und eine Signifikation und ein Subjekt. Auf ihm lastet das Gottesgericht, an ihm wird es vollstreckt, er muss es ertragen. In ihm gehen die Organe jene zusammengesetzten Beziehungen ein, die man Organismus nennt. Der oK heult: Man hat mir einen Organismus gemacht! Man hat mich zu Unrecht gefaltet! Man hat mir meinen Körper gestohlen! Das Gottesgericht reißt ihn aus seiner Immanenz heraus und macht ihm einen Organismus, eine Signifikation, ein Subjekt.« [218]
Es geht - offensichtlich - um eine Gegeninfiltration: um eine Operation, die den Namen »Konsistenzebene« trägt. Denn was tatsächlich stattfindet, ist »[e]in ständiger gewaltsamer Kampf zwischen der Konsistenzebene, die den oK befreit und alle Schichten durchläuft und auflöst, und den Oberflächen der Stratifizierung, die ihn blockieren und zurückdrängen [219].« Und genau hier müssen wir uns fragen, mit welchen Waffen die Konsistenzebene kämpft. - Die Antwort scheint zu sein, dass es, um die Destratifikationsarbeit der Konsistenzebene umzusetzen, der Organe bedarf. Artaud braucht Werkzeuge - das Kino, das Schiff über den Ozean, die sozialen Institutionen der Tarahumaras -, um die Organe wegzubekommen, er braucht den Umweg, das Supplement, das Medium: denn »das Paradies ist verriegelt und der Cherub hinter uns; wir müssen die Reise um die Welt machen, und sehen, ob es vielleicht von hinten irgendwo wieder offen ist.«12 Die Konsistenzebene kann keinen Kampf beginnen, ohne in den Schichten, die sich in sie hinein auflösen werden, Organe zu implantieren, durch die sie operationsfähig wird.
Oder noch einmal. D&G: »Der oK ist das , was übrigbleibt, wenn man alles entfernt hat. Und was man entfernt, ist eben das Phantasma, die Gesamtheit von Signifikanzen und Subjektivierungen« [208 f.]. - Es sind also nicht die Organe, die entfernt werden; im Gegenteil, es wird sich da nicht so sehr um ein »Entfernen«, als um ein Überschreiben, vielleicht auch um ein Überschreiten handeln, um ein neu Durchmischen, eine Intervention, die nicht anders als medial und signifikant sein kann. Nicht nur unser Sprechen, sondern auch unsere Praktiken - unsere künstlerische Praxis, unsere politische Praxis - sind Palimpseste. Wie das unbeschriebene Blatt oder die leere Leinwand, so ist die ungefaltete Konsistenzebene leer nur insoferne, als die Vorschriften und Vorgaben, die sich darin eingenistet haben, gestrichen und von anderen Zügen durchquert werden.
Was Artaud betrifft, so sei hier die Tatsache in Erinnerung gerufen, dass sein eben neu gelesener Aufruf in einem Text zu finden ist, der als Radiosendung geplant war13. Aus der Situation der Internierung heraus entscheidet Artaud sich immer für maximal medienreflexive Interventionsformen: er kritzelt keine Hefte voll, sondern schreibt Briefe, Botschaften, Manifeste14. Schon einmal hatte er das so gemacht, nämlich nach seiner Abwendung vom Kino15, als gäbe es ein Motiv dafür, sich gleichzeitig mit der verzweifelten Suche nach der direkten, relaislosen Erfahrung ein hohes Niveau an medialer Selbst-Investition zu bewahren16. Und es gibt dieses Motiv: das vielleicht nicht eigens bedachte, jedenfalls aber in Szene gesetzte Bewusstsein, die Ebene der unblockierten Ströme und energetischen Invasionen nur durch eine als »Mittel« eingesetzte Veranstaltung zu erreichen.
II.
Die Sache hat bis hierher eine Wendung genommen, in welcher der oK als etwas erscheint, das sich weniger einer Exstirpation von Organen verdankt, als vielmehr einer Implantation - einer Installation, die etwas Werkzeughaftes oder ein Medium kreiert. Wir müssen ein Organ schaffen, um zum organlosen Körper zu gelangen.
Wenn es nun auffällt, dass wir den Begriff »Organ« keineswegs im engen Rahmen von Anatomie oder besser Physiologie - im Sinne einer »Anatomie in Bewegung«17 - gebrauchen, so ist hier der geeignete Moment für einen Exkurs darüber, dass eine solche Verwendung keine »metaphorische« Ausweitung eines »natürlichen« Organbegriffs ist. Man braucht gar nicht erst die altgriechische Etymologie des Wortes18 zu strapazieren, um im Organbegriff eine werkzeughafte, subjektüberschreitende, maschinelle Komponente auszumachen. Mit anderen Worten: der Idee vom Organ ist die Idee seiner mediumistischen Seinsweise inhärent. Vermittelt wird dieser Nexus über einen verallgemeinerten, a-humanen Begriff des Körpers, der gleichwohl der zugrundeliegende ist - eines »Körpers«, der, wie sonst kaum eine anthropologische Gegebenheit, als Prozessor oder Medium bewusstseinskonstitutiver Verdoppelungen fungiert: keine menschliche Kultur und Gesellschaft, in der das Phänomen der »zwei Körper«, also eines »individuellen« und eines »sozialen« Körpers, nicht in irgendeiner Weise zum Vorschein kommt, sei es als mystischer Körper Christi19, oder, verwandt damit, als der »zweite« Körper des Königs in der politischen Theologie des europäischen Mittelalters20, sei es als der Lichtleib in der neuplatonisch inspirierten persisch-shiitischen Theosophie21, als sozialer Körper in den primitivisierten Gesellschaften22, oder als »Lehrkörper« an einer Universität. Dieser korporative Sinn des Wortes ist keineswegs eine metaphorische Erweiterung einer »ursprünglichen« Bedeutung, sondern umgekehrt scheint das Bild, d.h. die Erfahrbarkeitsstruktur des eigenen Körpers immer schon nur durch Interaktion mit »Fremd-Körpern« zu entstehen23 (als deren Grundlage wiederum die so allgemeine und so schwer begrifflich zu fassende Fähigkeit der Nachahmung - eine Art mimetischer oder kinetischer Telepathie - bzw. die Fähigkeit des Werdens gedacht werden muss24).
Daher - weil der Körper immer schon als ein außerbiologischer und überindividueller Körper in Erscheinung tritt - die Virulenz eines a-medizinischen Organbegriffs, vor allem dann, wenn die Möglichkeit von Freiheit oder Unterwerfung eines solchen Körpers im Zusammenhang mit der Operabilität seiner Organe gedacht werden soll. Über die Idee, dass z.B. der Kochtopf einen sozialen Magen darstellt, gelangen wir zu einer Vorstellung von Organ im Sinne (sozio-) technischer Inventionen, die sich, was ein nicht genug zu bedenkendes anthropologisches Faszinosum darstellt, durch das Manöver einer Umstülpung der Betrachtungsweise direkt mit der alten Bedeutung von »οργανον« als »Werkzeug« in Verbindung bringen lässt: in der Perspektive nämlich, dass Werkzeuge sozusagen in die Wirklichkeit projizierte Verlängerungen oder Ausschwitzungen von Fakultäten und Funktionen des menschlichen Körpers - also von »Organen« - sind25. Zunächst war es der Faustkeil, der dem paläolithischen Menschen aus der Hand hinausgewachsen ist, dann hat die Haut im Verein mit dem Gehirn Gewebe als künstliche Felle abgesondert26, mit der Schrift wurde Rechenkunst und Sprache aus dem Körper ausgelagert27, mit der Idee, dass man das Alphabet nicht nur zum »Abbilden« von Sprache, sondern auch zum Ordnen von Inhalten verwenden konnte28, wurde, ebenso wie mit der Erfindung von Karteikästen und Zettelkatalogen29, begonnen, das Gedächtnis in materiale Sedimente zu investieren, und gegenwärtig hat sich bereits ein Teil der Menschheit in die Tatsache hineinbegeistert, dass dank der Hyper-Maschinen der Medienindustrie (Kino, Fernsehen, Internet) und der »Medizin« (als neuer biopolitischer Ingenieurstechnologie) die Phantasie, die Emotionen, die Bedürfnisökonomie und die Selbstreproduktion sich in technischen Apparaturen materialisiert und sich einer handwerklich umsetzbaren Einbildungskraft und Bastellust weitgehend entzogen haben.
Der Mensch hat immer schon an sich gezüchtet und geschnitzt - d.h., er hat seinem biologischen Körper einen sozialen Körper eingeschrieben30; und er hat gleichzeitig immer schon imaginäre Welten geschaffen - d.h., er hat den sozialen Körper mit seinen biologischen Triebdynamiken und Traumpfaden durchfurcht31. Beide Seiten gehören zusammen und bilden das Groß-Milieu des Menschen, das Milieu »künstliches Organ«, ein in beide Richtungen passierbares Milieu des Übergangs, wo mit denselben Mitteln - der »Organprojektion«32 - Strukturen und Schichtungen ebenso errichtet wie unterwandert und aufgelöst werden können.
Es lässt sich also die überfällige Beobachtung hinzufügen, dass unsere Sprache auch »staatliche Organe« vorsieht - und Deleuze/Guattari denken, wenn sie vom oK sprechen, nicht nur an einen von allen Subjektivitäten befreiten, invasionspfortenlosen Menschenkörper, sondern auch an einen organlosen Sozialkörper, d.h. an eine »freie« Gesellschaft ohne Polizei, Gerichte, Gefängnisse, Regierungen und Verwaltungen. Mit all dem wird ein Horizont von »Organpolitik« indiziert, den in seiner Umfassendheit und »Unheimlichkeit« zum Thema zu machen jedenfalls nicht nur medizinethischen Kommissionen überlassen werden kann. Im Gegenteil: wenn denn dieser Horizont von Freiheiten durchquert werden soll - d.h. in der Sprache von Deleuze/Guattari, von Diesheiten (haecceïtates), denen eine Fluchtlinie offensteht33 -, so werden diese Freiheiten nur im Horizont einer philosophisch-kulturanthropologischen Organtheorie intelligibel und vielleicht auch sich selbst entwerfbar, die, unter Ausnutzung der von D&G in den Tausend Plateaus bereitgestellten terminologischen Möglichkeiten, das Organ-Werden, und näherhin das Organ-Werden des organlosen Körpers, zu denken vermag.
Es könnte gewagt erscheinen, gerade das Werden (das bei Deleuze und Guattari das Geschehen der Konsistenzebene und die Möglichkeit der Emergenz von Fluchtlinien beschreibt) zusammenzubringen mit dem Inbegriff dessen, was alle Ströme und alles Werden blockiert, dem im Organismus organisierten Organ. - Doch wir haben nicht vom Organismus gesprochen. Wir können im Gegenteil als Zwischenergebnis festhalten, dass sich Körper, die sich gerade noch als »ich« bezeichnet haben, unhintergehbar in - werkzeughafte oder soziale - Apparaturen hinein fortsetzen, und dass diese Apparaturen als Organe und umgekehrt solche Organe als Medien beschreibbar sind; Körper, Medium, Maschine und Organ bewegen sich in dieser Sicht auf einer gemeinsamen Ebene, sodass zwischen ihnen ein Werden geschehen kann. Es wird von daher verständlich, inwiefern auch der organlose Körper weniger die Grenze zur A-medialität markiert, als vielmehr selbst eine Strategie und eine mediale Intervention darstellt. Der oK erscheint selbst als so etwas wie ein Organ. Und es ist dieser Horizont, in dem all diejenigen möglichen Ambivalenzen des oK-Begriffs Gestalt annehmen, welche eine Diskussion von so etwas wie »Organpolitik« nötig und auch spannend machen.
III.
Im Spielraum, der sich durch die Annäherung von organlosem Körper und Organ/Organ-Werden eröffnet, stellen sich die organpolitischen Fragen als Fragen des Übergangs: des Übergangs kultureller Sedimentationen und Verhärtungen in einen schöpferischen und befreienden Einsatz, aber auch des Übergangs des befreienden Intensitätenfeldes des organlosen Körpers in eine subtile Form der Despotie.
Während wir für den erstgenannten Übergang mit dem Begriff des Organ-Werdens die Terminologie erarbeitet haben, ist in Bezug auf letzteren noch ein Wort zu sagen. Denn vor einer solchen bedrohlichen Regression scheinen wir uns sicher fühlen zu dürfen, solange wir den organlosen Körper als einen Exorzismus der Organe auffassen.Ohne Organe keine Despotie. Es ist aber inzwischen klar, dass gegenüber einer solchen destruktiven Auffassung des oK eine andere, kreative betont werden muss - und wenn dies in Opposition zu einem naheliegenden Missverständnis zu geschehen hat, so geht es dabei weniger um ein falsches Verständnis der Aussagen von Artaud und D&G, sondern ein Missverstehen des Begehrens des oK selbst.
Die Gefahr besteht, kurz gesagt, darin, die Konsistenzebene als eine Art Urhütte aufzufassen, als die Urhütte des oK. Im Sog jener zu Beginn namhaft gemachten Tendenz, den organlosen Körper im Sinne einer negativistisch missverstandenen Idee der »Losigkeit« aufzufassen, würde die Konsistenzebene dann als das Primitive oder Unverbildete an sich aufgefasst. Als ein Nullpunkt, der nicht so sehr voll ist (voll von Strömen, Vibrationen, Energien, Intensitäten), sondern vor allem und substanziell leer (leer von Schichten, Organismen, Subjekten, Qualitäten, Signifikanzen). Wie aber eine solche Leere in der Immanenz denken, ohne die Konsistenzebene zu einer paradoxen Zielscheibe ihrer eigenen Deterritorialisationsprojekte zu machen, zu einem signifikanten und zugleich leeren Territorium, zu einem seltsamen ikonoklastischen Flügelaltar, auf dem zwar, wenn er aufgeklappt ist, jedes Bild sofort verschwindet, der aber dennoch ein Altar wäre und im Orient stünde, vielleicht als die Mauer des Paradieses? (Jedenfalls würden wir in dieser Richtung die Morgenröte34 aufgehen sehen, an denen der oK Orientierung findet und in deren Lichte er die Faltungen erkennen wird.) Die Konsistenzebene würde da, anders gesagt, als so etwas wie eine »regulative Idee« (im Sinne Kants) erscheinen, sie würde den Einbruch der Transzendenz markieren. Und wenn es darum ginge, die Praxis-Sets zu kennzeichnen, die der oK in diesem Fall bezeichnet, so müssten die gegen Ende des ersten Abschnitts zitierten Aussagen aus den Tausend Plateaus unweigerlich im Sinne einer Tendenz zur tabula rasa gelesen werden, einer Tendenz zum Loswerden, zum Entfernen und zur Säuberung.
Deleuze und Guattari benennen und behandeln diese Tendenz und dieses Missverständnis am »Problem der drei Körper«35: es gibt nicht nur den richtigen oK, sondern auch »falsche« organlose Körper, nämlich den »ausgezehrten« drogensüchtigen oder paranoiden und den »krebsigen« faschistischen organlosen Körper. Das Problem besteht darin, diese drei Körper auseinanderzuhalten: man muss versuchen, den oK daran zu erkennen, dass er »ebenso projektiv [!] wie regressiv«36 ist. D&G schlagen dazu, zum Teil im Sinne einer Korrektur ihrer Ausführungen im Anti-Ödipus, wo der organlose Körper noch zu einseitig als ein »Modell des Todes«37 gesehen wird, eine Version des oK vor, die als Kunst der Dosierung38 verstanden werden kann:
»Man muss genügend Organismus bewahren, damit er [der oK] sich bei jeder Morgendämmerung neugestalten kann; und man braucht kleine Vorräte an Signifikanz und Interpretation, man muss auf sie aufpassen, auch um sie ihrem eigenen System entgegenzusetzen […]; und man braucht kleine Rationen von Subjektivität, man muss soviel davon aufheben, dass man auf die herrschende Realität antworten kann. […] Man erreicht den oK und seine Konsistenzebene nicht, wenn man wild drauflos stratifiziert.« [220, Hervhb. S.W.]
Nicht nur der Organismus stellt also eine Gefahr dar, sondern, am andern Ende derselben Achse, auch das Reinsein-Wollen. Für den sozialen Körper gilt das genau so wie für den biologischen Körper: man findet die richtigen Politiken der Konsistenzebene und ihre falschen Doubles (d.h. den richtigen und die falschen organlosen Körper) auch in ihren extrovertierten und sozial bzw. technisch realisierten Versionen in engster Nähe nebeneinander. Ohne den Faschismus bemühen zu müssen, liefern die konkurrierenden radikal-egalitären politischen Programmatiken vor dem Zweiten Weltkrieg (die Auseinandersetzungen innerhalb der ersten drei Internationalen) passendes Anschauungsmaterial39: es ist die epochale Gegnerschaft zwischen jener Idee, zuerst tabula rasa machen zu müssen, um darauf oder darin oder eigentlich darüber eine »unverfälschte« Praxis neu hervorbringen zu können, und der Idee, »Zellen« zu bilden und eine Konsistenzebene zu konstruieren, um eine konkrete revolutionäre Praxis in den vorhandenen Organismus zu implantieren40. Der antikolonialistische Diskurs hat, als die industrialisierte Welt befriedet war, über weite Strecken an demselben Problem laboriert41.
Man muss daher mit Entschiedenheit festhalten, dass sich mit dem oK alles Mögliche machen lässt, nur keine tabula rasa. Aus philosophischer Sicht ist es zwar seine besondere Leistung, innerhalb einer Immanenzphilosophie ein Denken des Unstetigen, des »Bruchs« oder des Sprungs möglich zu machen42, doch ist die leitende Vorstellung dabei nicht das Konzept eines Nullpunkts oder einer Unterbrechung, sondern viel eher die des Sichereignenlassens von Überlagerungen - ein Sich-Überlagern von unterschiedlichen Mustern als das, was Pausen und freie Rhythmen ermöglicht.
Nehmen wir von daher unsere organologische Frage wieder auf: mit der Rede vom Organ-Werden des organlosen Körpers können wir dem Irrweg der tabula rasa etwas entgegensetzen, das positiv stattfindet. Wir können eine in bestimmter Weise charakterisierbare Menge von Strategien als die Praxis des oK selbst verstehen - denn der oK ist ja »kein Begriff oder Konzept, er ist vielmehr eine Praktik, ein ganzer Komplex von Praktiken«43. Ihre Gemeinsamkeit besteht darin, dass sie ein In-Gang-Setzen von Organ-Werden versuchen. Auf der anderen Seite wird das, wogegen sich der organlose Körper wehrt (das organisierte Organ-Sein), negativ beschreibbar als das Nicht-Stattfinden von Werden. Die schwierige Stelle des Übergangs zwischen dem »richtigen« und den »falschen« oKs muss daher in jeder einzelnen Situation in jede Richtung jedesmal neu bedacht werden: denn der oK ist nicht einfach das bloße Gegenteil der Organe. Organe (in dem im zweiten Abschnitt vorgeschlagenen weiten Sinn, der z.B. auch die Idee des »Subjekts« einschließt) fungieren nicht von vornherein als Territorialiserungsversuche. Und umgekehrt scheint der oK selbst der Möglichkeit ausgesetzt zu sein, zu sedimentierten und sich als Organ in einem Organismus zu organisieren: es kann dem oK passieren, dass in ihm nichts mehr wird - der oK kann also im Grenzfall Reterritorialisierung, er kann als sein eigenes Double das »Falsche« bedeuten.
Jede dieser beiden Möglichkeiten soll abschließend anhand eines Beispiels analysiert werden.
A.
Auf der einen Seite kann man mit Foucault annehmen, dass, weil das Machtfreie keine Norm sein kann, gegen herrschende Wahrheit durchaus (vielleicht nicht immer nur, aber jedenfalls auch) Wahrheit eingesetzt werden kann: als Wahrheitsprojekt, als Wahrheitsexperiment … - Experimente, die durchaus nicht, wie wir vorgeschlagen bekommen haben, mit trübseligen Restmengen sicherheitshalber aufbewahrter Signifikanz wirtschaften, sondern mit stracks erfundenen, neu herausgestellten Signifikanzen:
»Es geht nicht darum, die Wahrheit von jeglichem Machtsystem zu befreien - das wäre ein Hirngespinst, denn die Wahrheit selbst ist die Macht - sondern darum, die Macht der Wahrheit von den Formen gesellschaftlicher, ökonomischer und kultureller Hegemonie zu lösen, innerhalb derer sie gegenwärtig wirksam ist.«44
Man wird dann Wahrheit ebenso wie Signifikanz und Subjektivität45 in der gleichen Weise wie den oK für ein zu Zeiten akzeptables Praxis-Set halten, für etwas, das als Organ entwerfbar ist, das sich als ein Werden in den Strata einnisten kann und dabei diese ebenso wie sich selbst verändert. »Wahrheit«, »Bedeutung«, »Subjektivität« benennen mögliche Strategien. Es geht, wenn es darum geht, etwas für seine momentanen Zwecke und Aktionen zu begreifen, nicht um den Nullpunkt, sondern um Werden, um verschiedene Arten des Werdens, zu denen nicht nur Intensiv-Werden, Tier-Werden und Unwahrnehmbar-Werden46 gehören, sondern auch Zeichen-Werden, Organ-Werden, Subjekt-Werden. Das Theater der Signifikanz stellt nicht nur Herrschaft vor, sondern in bestimmten Milieus auch Modelle des Widerstands. Ein zâr für jede Situation, ein zâr für die christlichen Pflichten, einer für die Schamanenpraxis, einer für das Bewirten von Besuch, einer für das Ausbessern des Dachs47. Wir wollen selbst entscheiden (oder davon durchquert werden), wo uns Quantitäten und Intensitätsgradienten weiterhelfen und wo es für den Moment Subjektwerdungen, Gesichter, Besessenheiten, Innenräume oder Qualitäten sind, die das tun.
Denn wir müssen bedenken, dass die Organisation durch den Organismus die Organe nicht einfach voraussetzt. Der Organismus operiert vielmehr, und zwar dadurch, dass er bestimmte Organe erlaubt und einsetzt und andere verbietet und entfernt. Es ist nicht so, dass nur das Organisiertwordensein der schon vorhandenen Organe die Politik des organlosen Körpers bestimmen darf, diese muss vielmehr das Gewährthaben bzw. Genommensein von Organen in ihre Beobachtungen und Strategien mit einbeziehen; und die Vorstellung, sich der Organe zu entledigen, um sie vom Führertum des Organismus zu befreien, macht, wie wir jetzt sagen können, nur dann einen Sinn, wenn dieser Organismus zuvor die Einsetzung erlaubt und ein Organ »gewährt« hat.
Der paradigmatische Wachsamkeits-Diskurs, der in unserer Kultur den Blick für die Gewährens-Struktur des organhaft Vorhandenen geschärft hat, ist die feministische Diskussion. Hinsichtlich der Geschlechts-Organe verdanken wir ihr jene Gleichungen, in denen das scheinbar Vorhandene als das in Wirklichkeit (vom herrschenden Organismus) Gewährte und das scheinbar Fehlende als das in Wirklichkeit Geraubte vorstellig wird48. Aus einer solchen geschlechtswachen Sicht ist es als eine männliche (d.h. nur Männern nützlich erscheinende) Politik zu bezeichnen, wenn man sich des Einflusses durch den Organismus dadurch zu entziehen sucht, dass man sich der Organe entledigt. Hingegen wird derselbe Vorschlag - den organlosen Körper im Sinne einer Strategie der negativistischen Losigkeit einzusetzen - in dem Maße, in dem die spezifische Weise des Organismus, über »weibliche« Organe zu herrschen, die des Gestohlenhabens ist, weiblichen oK-Aktivistinnen zurecht als unbrauchbar erscheinen. Wie soll man sich denn eines gestohlenen - oder auch nur eines durch die verzerrenden Kräfte des Organismus »verrutschten«49 - Organs entledigen? Wenn es stimmt, dass eine patriarchale Kultur die weiblichen Organe in verschiedenen Formen wegnimmt - indem sie sie übersieht, als die Ausnahme des Allgemeinen hinstellt, durch die Fortschritte der Medizin für ersetzbar hält, und schließlich tatsächlich auch wegschneidet -, so wird eine feministische Organpolitik eine hervorragende Instanz für die Deutbarkeit des oK als einer Praxis des Organ-Werdens sein. Nur im Organ-Werden kann das, was gestohlen worden ist und in die Absenz verbannt ist, wieder auftauchen, und auf diese Weise dem nicht-gewährenden, dem entziehenden Organismus etwas entgegensetzt werden, das ihn durchlaufen und auflösen kann.
B.
Es lässt sich freilich auch behaupten, dass jedes total beschriebene Organ - also z.B. auch das mit »Männlichkeit« beschriebene männliche - letztlich einem gestohlenen Organ gleicht und dass es in allen echten oK-Politiken um die Entgegnung auf ein solches Gestohlenwordensein geht - was uns auf unsere abschließende Frage führt: kann auch der oK gestohlen werden?
Wir wollen vor dem Hintergrund der gegenwärtigen technischen und juristischen Entwicklungen - Stichwort »Kontrollgesellschaften«50 - fragen, ob der oK selbst exteriorisierbar geworden ist und unter dieser Voraussetzung wie jedes andere Fabrikat seinem Werden, seinem Organ-Werden entfremdet werden kann. Kann der oK reterritorialisiert werden? Was könnte das überhaupt heißen? Hat z.B. ein faschistischer Sozialkörper etwas mit dem organlosen Körper zu tun? Wir können eine Antwort hier abschließend nur andeuten. Giorgio Agamben hat gezeigt, dass sich eine bestimmte Figur des altrömischen Rechts, nämlich der homo sacer, als die genaue Negativform zur paradoxen ontologischen Struktur der Souveränität darstellt51. In den gegenwärtigen Gesellschaften scheint nun diese Souveränität (die sich konstituiert, indem sie etwas ausschließt, ohne es doch zu entlassen, sondern es als Ausgeschlossenes einschließt) immer mehr zu einer diffusen und ungreifbaren Größe, und im Gegenzug der homo sacer zu einer in jedem Individuum gegenwärtigen Erscheinung zu werden52. Wenn wir oben auf die problematische Tendenz mancher Politiken zur tabula rasa hingewiesen haben, so scheint in den gegenwärtigen westlichen Gesellschaften der paradoxe Zustand einzutreten, dass die Politik der tabula rasa verschwindet (oder besser gesagt, dissimuliert wird) und dennoch jedes einzelne Leben andauernd in seinem Existieren auf seinen Nullpunkt reduziert ist.
Wenn man dieses »nackte Leben« in seiner unterschiedslosen Verallgemeinerung vorsichtig dem organlosen Körper annähert, so entsteht tatsächlich der Eindruck, dass dieser selbst in das Stadium seiner technoiden Realisierung eingetreten ist. Man muss dann annehmen, dass dadurch, dass nicht mehr über Zeichen oder über Organismen Unterwerfungsstrukturen eingerichtet werden, sondern - in Form eines Gesetzes als »Geltung ohne Bedeutung«53 - über den verallgemeinerten Bann des nackten Lebens, eine völlig neue Situation entstanden ist, in der der organlose Körper weniger ein Ensemble von Fluchtlinien, sondern die erschreckende Metapher für die tatsächliche Struktur der Verlassenheit im universalen Lager bedeutet.
Es ist, um ein letztes Mal auf Artaud zurückzukommen, klar, dass man einem solchen organlosen Körper, der auf keinerlei Differenz mehr trifft, keinesfalls »wieder beibringen« kann, »wie im Delirium Musetten verkehrt herum zu tanzen, und diese Kehrseite wird seine richtige Seite sein«54.
Doch kann es in diesem Fall darum auch gar nicht gehen. Der oK des universalisierten Lager-Lebens ist ein falscher oK! Er ist der paranoide, ausgezehrte selbstzerstörerische Drogen- oder Krebs-oK in seiner vollständig exteriorialisierten Form. Das verkompliziert zwar die Situation, insofern zum Organismus und zur tabula rasa ein neuer Feind hinzugekommen zu sein scheint, der weder Organismus noch tabula rasa ist. Doch scheint eines immerhin unmöglich: dieses desaströse Andere mit dem Werden zu verwechseln.
Schluss
Wir können sagen, dass der echte oK überall das ist, was nie vollständig exteriorisiert werden kann. Der oK wird immer durch ein Werden gebildet, und geht deshalb jedem Organismus, aber auch allen Sedimentierungen von technischen Organen, allen Rezepten und Systemen immer vorher. Umgekehrt kann der oK jedes Organ-Werden zum Unterlaufen der organismischen Organisation einsetzen. Der oK als die Politik einer Konsistenzebene ist der Name für ein Handeln, welches sich auf ein hegemoniales Dispositiv beziehen, in welchem es sich nur deshalb zerrüttend einnisten kann, weil es zur mimetischen Differenz in diesem Dispositiv fähig ist. Wenn diese Fähigkeit zur minimalen Differenz »Werden« heißt55, so können wir das Sich-Einnisten des Werdens als Basteln56 bezeichnen: als das unstillbare, auf Freiheit, d.h. Selbstüberschreitung, ausgerichtete (und in diesem Sinn kreative, daher aber auch paradoxe) Weiterspielen der dauernd werdenden Welt. Der oK ist kein festumrissenes Programm, er ist eine Waffe im Kampf: Bastelmaterial.
Anmerkungen
1 Vgl. zu diesem Ausdruck die deutschprachige Übersetzung von Samuel Becketts »Sans« (1969): »Losigkeit«. Aus d. Frz. v. Elmar Tophoven, in: Samuel Beckett: Residua. Prosadichtungen in drei Sprachen. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1976 (= BS 254), 127-141.
2 Besonders intensiv hat Nietzsche sich im Frühjahr und Frühsommer 1887 mit dem Problem des Nihilismus beschäftigt - seine Meditationen aus jener Zeit kulminieren in dem eindrucksvollen, von ihm »Lenzer Heide, den 10. Juni 1887« datierten Fragment unter dem Titel Der europäische Nihilismus, wo es - die Rede ist von der »viel zu extreme[n] Hypothese« Gott - unter anderem heißt: »Eine Interpretation gieng zu Grunde; weil sie aber als die Interpretation galt, erscheint es, als ob es gar keinen Sinn im Dasein gebe, als ob alles umsonst sei.« - Friedrich Nietzsche: Nachgelassene Fragmente 1885-1887. Kritische Studienausgabe, hrsg. v. Giorgio Colli und Mazzino Montinari. München-Berlin-New York: dtv/de Gruyter 1999, Bd. 12, S. 212. Vgl. auch die Einleitung zum Kommentar zum sechsten Band dieser Ausgabe, »Nietzsches Nachlaß 1885-1888 und der ‚Wille zur Macht’«, KStA Bd. 14, 383-400, bes. 385 u. 391.
3 Vgl. Gilles Deleuze/Félix Guattari: Tausend Plateaus. Übers. a. d. Frz. v. R. Vouillé u. G. Ricke. Berlin: Merve 1992, 226: »im Begehren zwischen dem unterscheiden, was auf der Wucherung eines Stratums oder auf allzu gewaltsamer Destratifizierung beruht und was auf der Konstruktion einer Konsistenzebene beruht (bis in uns selber hinein faschistische, selbstmörderische und wahnsinnige Elemente überwachen).« (Hervhebung S.W.) - Für »organloser Körper« wird im Folgenden, dieser Übersetzung entsprechend, »oK« gesagt, und für »Deleuze und Guattari« schreibe ich »D&G«; und wenn im Text ohne weitere Angabe nach einem Zitat von D&G in eckigen Klammern eine Seitenzahl folgt, handelt es sich immer um die Tausend Plateaus.
4 Auf die erstaunliche Genealogie des Organbegriffs, wo z.B. die in der neuplatonischen Tradition stehende Idee eines »subtilen Organs« (zu denken als das Substrat oder Medium der durch spirituelle oder magisch-theurgische Techniken zu erreichenden Zustandsveränderungen) bei der Etablierung des neuzeitlichen medizinischen Organbegriffs, v.a. durch Joh. Bapt. van Helmont, eine nicht unwichtige Rolle spielt, kann im Rahmen dieses Aufsatzes nicht genauer eingegangen werden.
5 Vgl. dazu den Beitrag von Stephen Zepke in diesem Band, »‘Believing in this world’: Artaud - Dreyer - Deleuze«, in der hier benutzen Version http://pages.akbild.ac.at/aesthetik/sz-paper.html, am 16. April 2002.
6 »Wenig später« - nämlich vermutlich 1933 - heißt es in »Schluss mit den Meisterwerken«: »[d]as Theater ist der einzige Ort auf der Welt und das letzte umfassende Mittel, das uns noch verbleibt, den Organismus direkt zu erreichen und in den Zeiten der Neurose und der niederen Sinnlichkeit wie derjenigen, in der wir gründeln, diese niedere Sinnlichkeit durch körperliche Mittel zu attackieren, denen sie nicht widerstehen wird. Wenn Musik auf Schlangen wirkt, so nicht etwa deshalb, weil sie ihnen geistige Vorstellungen vermitteln, sondern weil Schlangen lang sind, weil sie sich lang auf der Erde zusammenrollen,| weil ihr Körper fast ganz die Erde berührt; die musikalischen Schwingungen, die sich der Erde mitteilen, wirken auf sie wie eine sehr durchdringende, sehr lang anhaltende Massage; nun, ich schlage vor, mit den Zuschauern wie mit Schlangen zu verfahren, die man beschwört, und sie mit Hilfe ihres Organismus bis zu den flüchtigsten, feinsten Vorstellungen zurückzuführen.« - Antonin Artaud: »Das Theater und sein Double«, in: Das Theater und sein Double. Das Théâtre de Séraphin. Übers. a. d. Frz. v. Gerd Henninger. Frankfurt a.M.: Fischer 1989 (= FiTB 6451), 7-154, hier 86 f., (Hervhb. S.W. - es ist offensichtlich, dass Artaud mit »Organismus« hier nicht den organisierenden Organismus meint, sondern den Körper als intensive Maschine). Und im ersten Manifest des »Theaters der Grausamkeit« (1932), ebenfalls in Das Theater und sein Double, wird im Gegenzug dem Kino lapidar eine »grobsinnliche Sichtbarmachung dessen, was ist« attestiert, demgegenüber das Theaterbild »allen Erfordernissen des Lebens gehorcht« (aaO., 106).
7 Antonin Artaud, »Cinéma et réalité«, in: Oeuvres complètes, t. III, Paris: Gallimard 1961, 21-24, hier 22: »cette idée de cinéma visuel où la psychologie même est dévorée par les actes«; - »Ils ne s'agit pas de trouver dans le langage visuel un équivalent du langage écrit dont le langage visuel ne serait qu'une mauvaise traduction, mais bien de faire publier l'essence même du langage et de transporter l'action sur un plan où toute traduction deviendrait inutile et où cette action agit presque intuitivement sur le cerveau.« (Deutsche Übersetzung: S.W.; im Original keine Hervorhebungen.)
8 Artaud, »Schluss mit dem Gottesgericht«, in: Schluss mit dem Gottesgericht. Das Theater der Grausamkeit. Letzte Schriften zum Theater. Übers. v. E. Kapralik, München 1980, 7-29, hier 29. Vgl. Deleuze/Guattari, Tausend Plateaus, 206.
9 Tatsächlich heben D&G in ihrer Diskussion des Artaud-Zitats (Tausend Plateaus, 206) zunächst das Loswerden-Wollen hervor: »sobald der Körper genug hat von den Organen und sie loswerden will oder gar verliert«.
10 Vgl. D&G, Tausend Plateaus, 545: »Waffen haben eine auffallende Beziehung zur Pro-jektion, zum Werfen. […] Je mehr Projektionsmechanismen ein Werkzeug hat, um so mehr wirkt es selber wie eine potentielle oder einfach metaphorische Waffe.«
11 Tausend Plateaus, 218. Ganz offensichtlich ist das auch als Relativierung von Artaud zu lesen: D&G greifen Artauds Vorschlag, dem Menschen auf dem »Autopsietisch […] seine Anatomie zu erneuern« (Artaud, Schluss mit dem Gottesgericht, op.cit., 28), auf, müssen aber dessen »nihilistischen« Aspekte mit ihrer eigenen Auffassung des Immanenzfeldes als Basis aller Produktivität verträglich machen. So heißt es auf S. 218 denn auch vom Körper - vom Körper, der der Körper ist und der allein ist und der niemals ein Organismus ist -, dass er keine Organe brauche, nicht, dass er keine hat.
12 Heinrich von Kleist: »Über das Marionettentheater«, in: Kleists Werke in zwei Bänden. Hrsg. u. eingel. v. H. Brandt, Berlin-Weimar: Aufbau 1985, Bd. I, 314-321, hier 317.
13 »Elena Kapralik«, die als Herausgeberin der deutschsprachigen Ausgabe firmiert, sagt »Hörspiel«; tatsächlich wurde die gesamte Sendung fertig aufgezeichnet, mit einer Geräusche-Spur mit Schlaginstrumenten (auf Artauds Wunsch) und einem kommentierenden Text von Roger Vitrac, in dem Artaud als »Seher« beschworen wird (ohne Artauds Wunsch), die Sendung wurde dann aber, einen Tag vor dem Sendetermin, abgesagt. - Vgl. die Anmerkungen zu »Schluss mit dem Gottesgericht«, op. cit., 82 f.
14 Vgl. die verschiedenen, in Antonin Artaud: Band Briefe aus Rodez. Postsurrealistische Schriften. Übers. a. d. Frz. v. Franz Loechler. München: Matthes & Seitz 1979, zusammengetragenen Texte. Der Herausgeber bemerkt S. 151 f., dass Artaud allein in den Jahren 1943 bis 1946 als Interner des »Asile Public des Aliénés de Rodez« an Ärzte und Freunde 163 »Briefe« schrieb, deren teilweiser Veröffentlichung als solcher er übrigens im Herbst 1945 zustimmte.
15 Ein Viertel der zu Das Theater und sein Double zusammengefassten Texte sind Briefe bzw. Manifeste.
16 Man muss allerdings einschränkend anmerken, dass Artaud mit dem Radio sofort wieder unzufrieden war - vgl. den Brief an Paule Thévenin vom 24. Feb. 1948, wo es unter anderem heißt: »aber vor allem habe ich den Eindruck, dass die Leute | von meiner Radiosendung enttäuscht waren. Wo die Maschine ist, da ist immer der Abgrund und das Nichts, es gibt ein technisches Einschreiten, das deformiert und annihiliert, was man geschaffen hat.« (Antonin Artaud: Brief an Paule Thévenin, in: Schluss mit dem Gottesgericht. Das Theater der Grausamkeit. Letzte Schriften zum Theater. Übers. v. E. Kapralik, München 1980, 64-65.)
17 Vgl. Giorgio Agamben: Homo sacer. Die souveräne Macht und das nackte Leben. - Übers. a. d. Ital. v. H. Thüring. - Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2002 (= es 2068), 195. Es ist übrigens festzuhalten, dass bis ins 19. Jahrhundert hinein Titel wie »Organologie« und »Organonomie« für Bücher über Physiologie gebraucht wurden.
18 »όργανον« heißt ja »Werkzeug, Gerät, Instrument, Apparat«, wobei von den Spezialbedeutungen (neben Musikinstrument und Sinneswerkzeug) für Deleuzianer besonders auf die Bedeutung »Kriegsmaschine« hinzuweisen ist; »λογος οργανικός« bedeutet entsprechend eine Rede, »wie eine Kriegsmaschine wirkend« - vgl. »Menge-Güthling«, Langenscheidts Großwörterbuch Griechisch-Deutsch, 24. Aufl., München 1981, s.l. »όργανον« und »οργανικός«. In der Tat beleuchtet D&Gs Sicht der »Kriegsmaschine« (Tausend Plateaus, 481-585) einige Aspekte in der hier verfolgten Zugangsweise zum oK besonders gut, vgl. auch oben, Anm. 8.
19 Vgl. Henri de Lubac: L'Eucharistie et l'église au Moyen Âge. 2. ed. rév. et augm. Paris: Aubier 1949, bes. 155 ff. (über das Auftauchen der Idee des »corpus mysticum« im Sinne von »Kirche«); vgl. auch HistWbPhilos., Bd. 1, Sp. 1036, s.l. »corpus mysticum« (H. K. Kohlenberger). - Auch E. H. Kantorowicz: Die zwei Körper des Königs. München: dtv 1996, hält fest, dass sich der Terminus »corpus mysticum« ursprünglich »überhaupt nicht auf die Körperschaft der Kirche oder die Einheit der christlichen Gesellschaft, sondern auf die geweihte Hostie« bezog und erst »nach 1150 allmählich auf die Kirche als die Organisation der Christenheit übertragen [wurde], die ja im Zeichen dieses Sakraments geeint war« (S. 208 u. 209).
20 Vgl. für ein besonders folgenreiches Beispiel Kantorowicz, Die zwei Körper des Königs, 400 f., über den Prozess um das Herzogtum Lancaster, das den Lancesterkönigen zunächst als Privatbesitz ihres Hauses gehört hatte (»als ob wir nie die Höhe der königlichen Dignität erreicht hätten« [zit. S. 400], wobei dignitas genau den unsterblichen Körper der Königswürde meint, der die Grundlage dafür abgeben konnte, dass das Herzogtum schließlich in eine Körperschaft umgewandelt werden konnte, die der Krone gehörte, »ohne mit anderem Kronbesitz vermengt zu werden« [401]). Die »Inkorporierung« von Lancester war insofern bedeutsam, als sie später die Juristen der Tudor-Zeit dazu inspirierte, den Begriff dignitas durch corpus zu ersetzen (S. 402), womit erstmals eine beachtenswerte Entwicklung ihren terminologischen Ausdruck fand: die Entwicklung eines modernen Körperschaftsbegriffs aus einer theologisch-mystischen Begrifflichkeit ([403]: »Offenkundig wurde der korporative Begriff der dignitas mit dem gleichfalls korporativen Begriff des corpus mysticum vermischt …«).
21 Vgl. dazu Henry Corbin: Die smaragdene Vision. Der Licht-Mensch im persischen Sufismus. Übers. a. d. Frz. u. mit e.r Einl. v. Annemarie Schimmel. München: Diederichs 1989, S. 63 f., wo von der Gleichsetzung des psycho-kosmischen Bergs, des »Bergs der Morgenröten« mit dem Körper und den Organen des subtilen Licht-Menschen die Rede ist, in der sich »etwas wie eine ‚Physiologie des Licht-Menschen‘ enthüllt« (S. 63). Es gibt in diesem Sinne »den mikrokosmischen Tempel, den die Ishrâqî den ‚Licht-Tempel‘ (haykal an-nûr) nennen, den menschlichen Organismus, der die 7 Zentren oder subtilen Organe verbirgt, die sieben latîfa, eine Übereinanderschichtung innerer Himmel, deren jeder seine Farbe hat und deren jeder der mikrokosmische Sitz eines der großen Propheten ist« (S. 64).
22 Vgl. dazu Mary Douglas: »Die zwei Körper«, in: Ritual, Tabu, Körpersymbolik, Frankfurt a.M.: Fischer 1993, 99-123, wo allerdings unter dem sozialen Körper hauptsächlich der individuelle Körper, insofern er durch soziale »Regeln« formatiert ist, verstanden wird. Dass solche Regel-Sets überindividuelle Körper-Projektionen darstellen, die sich zumindest in Riten oder »Kunstwerken« materialisieren, ist eine Sicht, die Douglas nicht für sich adaptiert hat.
23 Das hängt auf einer humanpsychologischen Ebene vielleicht damit zusammen, dass der »ganze« Körper, d.h. wohl: der Körper mit Gesicht, phänomenal nur als das Andere gegeben ist, als Urmutter, als Tier, als Geist mit »Antlitz«. Doch nicht nur die Ganzheitswahrnehmung, auch die Organwahrnehmung funktioniert nur über diese semiotische Schleife, vgl. die klassische Untersuchung von Paul Schilder: The Image and Appearance of the Human Body. Repr., London etc.: Routledge 2000 (Orig. 1936), S. 178: “Therefore we reach the body only by pictures of the outside world.”
24 Für eine produktive allgemeine Theorie der Nachahmung vgl. Gabriel Tarde: Les lois de l'imitation. Etude sociologique. 7me éd., Paris: Félix Alcan 1921 (= Bibliothèque de Philosophie contemporaine, Bd. 82; Orig. 1891), z.B. S. 82-92 (über die »Ansteckung durch das Beispiel und die Eingebung«, und über die »Analogie des gesellschaftlichen und des hypnotischen Zustands«).
25 Vgl. zu diesem Ansatz und zum im Text folgenden Überblick André Leroi-Gourhan: Hand und Wort. Die Evolution von Technik, Sprache und Kunst. Übers. a. d. Frz. v. M. Bischoff. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1988 (= stw 700, Orig. 1964/65). - Leroi-Gourhan gelangt durch seine paläontologischen Untersuchungen »zu einem Begriff des Werkzeugs […], das dieses als eine Absonderung des Körpers und des Gehirns der Anthropinen versteht« (S. 122) und verfolgt unter diesem Aspekt der Absonderung und »Extroversion« die Evolution der menschlichen Spezies im Sinne einer Ausdifferenzierung nicht in »Rassen« oder »Arten«, sondern in »Kulturen«. - Welche ideengeschichtlichen Wurzeln die Idee der Organ-Projektion hat, soll hier nicht weiter verfolgt werden; wichtig scheinen - neben der hegelianisch-diltheyschen Idee der »Objektivation des Geistigen« und den Ideen von Marx - weniger bekannte Quellen zur Technikphilosophie aus dem 19. Jahrhundert zu sein, vgl. dazu Th. Ballauf u. E. Scheerer, »Organ«, in: HistWbPhilos, Bd. 6, 1317-1325, wo aber wiederum Leroi-Gourhan nicht erwähnt wird.
26 Karl Erdmann: Der orientalische Knüpfteppich. Versuch einer Darstellung seiner Geschichte, Tübingen: Ernst Wasmuth 1955, definiert das Knüpfen als »die Bereicherung eines Gewebes durch an der Kette befestigt kurze Wollfäden« (S. 13) und meint, dass durch diese Technik, die er als eine Erfindung der Turkvölker ansieht, eine Art von »künstliche[n] Felle[n]« erzeugt werden soll (ebd.). Die ersten erhaltenen Knüpfteppiche weisen daher charakteristischerweise ein nicht geschorenes Vlies auf und sind als ein Produkt von Hirten- (nicht Jäger-) Nomaden anzusehen, beschränkt auf ein Gebiet zwischen 30. und 45. Breitengrad, wo es weder warm genug für Felllosigkeit noch waldreich genug für Felle ist (S. 14).
27 Vgl. dazu Leroi-Gourhan, op.cit., 237-270. Zur Kritik am abendländischen Ethnozentrismus in Form eines »Alphabetozentrismus« in manchen Beiträgen zum Thema »Schrift als Medium« (z.B. bei E. A. Havelock) vgl. A. Assmann/J. Assmann: »Einleitung: Schrift - Kognition - Evolution. Eric A. Havelock und die Technologie kultureller Kommunikation«. - In: Eric. A. Havelock: Schriftlichkeit. Das griechische Alphabet als kulturelle Revolution. - Weinheim: VHC/acta humaniora 1990, 1-35, insbes. 7-10.
28 Zu dieser erstaunlich spät auftretenden Verwendungsweise des alphabetischen Apparats im abendländischen Kulturbereich - die alphabetische Ordnung von Registern und ähnlichen Techniken der Inhaltsaufschließung scheint sich erst ab dem 13. Jahrhundert ganz langsam und dann endgültig im 16. und 17. Jahrhundert durchgesetzt zu haben, obwohl es das Alphabet schon seit zweitausend Jahren gab - vgl. Ivan Illich: Der Weinberg des Textes, München: Beck 1990, 108 f.
29
Vgl. dazu Hans Petschar: »Einige Bemerkungen, die sorgfältige
Verfertigung eines
Bibliothekskatalogs für das allgemeine
Lesepublikum betreffend«. - In: Hans Petschar/Ernst
Strouhal/Heimo Zobernig: Der Zettelkatalog. Ein historisches
System geistiger Ordnung. Wien-New York:
Springer 1999, 17-42.
30 In allen vorindustriellen Gesellschaften finden wir solche Zucht- und Schnitztechniken in Form von Tätowierungen, Beschneidungen, Heiratsregeln oder Kindertötungen - vgl. dazu z.B. Michel Thévoz: Der bemalte Körper. Übers. v. Chr. Petitpierre. Zürich: ABC-Verlag 1985, oder Bruno Bettelheim: Symbolische Wunden. Pubertätsriten und der Neid des Mannes. Übers. v. H. Treindl. München: Kindler 1975 (Orig. 1954). Die Analogie des »Schnitzens« findet sich bei Arnold van Gennep: Übergangsriten. Übers. v. K. Schomburg u. S. Schomburg-Scherff. Frankfurt a.M.-New York: Campus 1986 (Orig. 1909), 76 f.
31 Als solche Techniken der Sinnbesiedelung (Besiedelung der uns umgebenden Natur mit Bedeutungsmustern und anthropomorphen Analogien) sind z.B. Märchen und Religionen anzusehen, zur ihrer neuesten Formation vgl. Sherry Turkle: Die Wunschmaschine. Vom Entstehung der Computerkultur. Übers. v. N. Hansen. Reinbek b.Hamb.: Rowohlt 1984.
32 Zum Terminus »Organprojektion«, E. Kapp: Grundlinien der Philosophie der Technik. Zur Entstehungsgeschichte der Cultur aus neuen Gesichtspunkten. Braunschweig: George Westermann 1878. Kapp bewegt sich allerdings vorbehaltlos innerhalb der einsinnigen Auffassung, wonach alle exteriorisierten Organe (z.B. die Schrift als Merktechnik oder der Nationalstaat als Sozialtechnik) sofort und unhinterfragt der Idee des Organismus einverleibt werden.
33 Zur »haecceïtas« vgl. D&G, Tausend Plateaus, 345 u. 354 ff.
34 Wir erinnern bezüglich der Morgenröte an das Zitat unten, S.???, und bezüglich des Paradieses an das Kleist-Zitat oben S.???.
35 Tausend Plateaus, 224.
36 Tausend Plateaus, 225; weiter heißt es, der oK »ist eine Rückbildung, aber eine schöpferische und immer zeitgenössische Rückbildung. Die Organe verteilen sich auf dem oK. Aber sie verteilen sich dort eben unabhängig von der Form des Organismus, die Formen werden kontingent, die Organe sind nur noch produzierte Intensitäten, Ströme, Schwellen und Gradienten. […] Es handelt sich keineswegs um einen zerstückelten und zerstörten Körper oder um Organe ohne Körper. Der oK ist das glatte Gegenteil. Es gibt weder zerstückelte Organe im Verhältnis zu einer verlorenen Einheit, noch eine Rückkehr zum Undifferenzierten im Verhältnis zu einem differenzierbaren Ganzen. Es gibt eine Verteilung von intensiven organischen Prinzipien mit ihren positiven unbestimmten Artikeln, im Innern eines Kollektivs oder einer Mannigfaltigkeit, in einem Gefüge und maschinellen Konnexionen entsprechend, die auf einem oK wirksam sind. Logos spermaticos.«
37 Deleuze/Guattari, Anti-Ödipus, übers. v. B. Schwibs, Frankfurt a.M.: Suhrkmamp 1984, 425.
38 Vgl. im vorliegenden Band die Beiträge von Stephen Zepke, S. ???, und von Régis Michel, S. ???.
39 Diese Geschichte kulminiert bekanntlich in den Ereignissen des spanischen Bürgerkriegs, und zwar diesseits der Front, vgl. dazu z.B. den Enttäuschungsbericht von George Orwell: Mein Katalonien. Übers. v. W. Rieger, Zürich: Diogenes 1975 (= detebe 63, 4; Orig. 1938), oder Hans Magnus Enzensberger: Der kurze Sommer der Anarchie. Buenaventura Durrutis Leben und Tod, Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1997 (= st 395).
40 Natürlich gab und gibt es die verschiedensten Formen dieses Konflikts, zwischen scheinbar ähnlichen Bewegungen am deutlichsten trat er aber in der schließlichen Kollision von Parteikommunismus (»Marxismus-Leninismus«) und Syndikalismus (»Anarchismus« in der sozialanarchistischen Variante) zutage - vgl. dazu auch Daniél Guérin: Anarchismus. Begriff und Praxis. Übers. v. H. H. Hildebrandt u. Eva Demski, Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1984 (= es 240; Orig. 1965), 22-29.
41 Vgl. z.B. Frantz Fanon: Die Verdammten dieser Erde, Frankfurt a.M. 1988, S. 29: »Die Dekolonisation, die sich vornimmt, die Ordnung der Welt zu verändern, ist, wie man sieht, ein Programm absoluter Umwälzung.« - »Wir haben uns […] entschlossen, gerade von jener tabula rasa zu reden, die zu Beginn jede Dekolonisation kennzeichnet. Sie stellt vom ersten Tag an die Minimalforderung des Kolonisierten dar.«
42 In einer etwas überspitzten Weise könnte man sagen, dass es in der Geschichte der abendländischen Philosophie immer die Transzendenzphilosophien waren, denen es leicht gefallen ist, den Bruch zu denken (in maximaler Ausprägung in der Gnosis), wohingegen für Immanenzphilosophien ein Denken in lückenlosen Kontinuitäten naheliegt (paradigmatisch die spätplotinische Philosophie). Wenn man es vor diesem Hintergrund als eine der großen Verdienste von D&G ansieht, im oK so etwas wie eine Möglichkeitsbedingung von Deregulation und Diskontinuität innerhalb einer Philosophie der Immanenz zu denken, so ist es nicht verwunderlich, dass ihre Anknüpfungsmöglichkeiten nicht sehr zahlreich sind: immerhin bleibt neben der Substanz Spinozas und dem Ei der Embryologen (vgl dazu den Aufsatz »Das Ei« von E. v. Samsonow in diesem Band) vor allem der »wolkenlose Himmel« Nietzsches (vgl. Nietzsche, Also sprach Zarathustra, Teil III, Abschnitt »Vor Sonnen-Aufgang«, in: Kritische Studienausgabe Bd. IV, München-Berlin-New York: dtv/DeGruyter 1980, 207-210, wo im übrigen auch eine frappierend ähnliche Dosierungskunst vorgeschlagen wird: »Ein Wenig Vernunft zwar, ein Same der Weisheit zerstreut von Stern zu Stern, - dieser Sauerteig ist allen Dingen eingemischt: um der Narrheit willen ist Weisheit allen Dingen eingemischt! / Ein Wenig Weisheit ist schon möglich; aber diese selige Sicherheit fand ich an allen Dingen: dass sie lieber noch auf den Füssen des Zufalls - tanzen [209].« Auch Nietzsches wH, der wolkenlose Himmel, der »Himmel Ohngefähr«, bewirkt die Befreiung der Dinge »von der Knechtschaft unter dem Zwecke«, insofern nun über ihnen »kein ‚ewiger Wille’ - [mehr] will«.)
43 Tausend Plateaus, 206.
44 Foucault, Dispositive der Macht, Berlin: Merve 1978, 54 (aus einem Interview mit A. Fontana u. P. Pasquino, über. v. Elke Wehr).
45 Vgl. Michel Foucault: Der Mensch ist ein Erfahrungstier. Gespräch mit Ducio Trombadori, übers. v. H. Brühmann, Frankfurt a.M. 1997, 85: »dass die Menschen im Laufe ihrer Geschichte niemals aufgehört haben, sich selbst zu konstruieren, das heißt ihre Subjektivität beständig zu verschieben, sich in einer unendlichen und vielfältigen Serie unterschiedlicher Subjektivitäten zu konstituieren. Diese Serie von Subjektivitäten wird niemals zu einem Ende kommen und uns niemals vor etwas stellen, das ‚der Mensch‘ wäre. Die Menschen treten ständig in einen Prozess ein, der sie als Objekte konstituiert und sie dabei gleichzeitig verschiebt, verformt, verwandelt - und der sie als Subjekt umgestaltet.«
46 Vgl. Tausend Plateaus, 317-422.
47 Vgl. Michel Leiris, »Die Besessenheit und ihre theatralischen Aspekte bei den Äthiopiern von Gondar«, in: Die eigene und die fremde Kultur. Ethnologische Schriften Band I. Übers. v. Rolf Wintermeyer, hrsg. v. H.-J. Heinrichs. Frankfurt: Suhrkamp 1985 (= stw 574), 135-227, hier 136 (zâr heißen die Geister in jenen Besessenheitskulten).
48 Also der scheinbar »natürliche« Penis als der postulierte Penis und der »fehlende« Penis, der z.B. den Penisneid auslöst, als die geraubte Vulva. Vgl. dazu Carolee Schneemann: »Vulva's Morphia«, in: Imaging her erotics. Essays, Interviews, Projects. Cambrigde, Mass./London: MIT Press 2001, 299-307, v.a. den Abschnitt »Vulva's School« (»Vulva goes to school and discovers that she doesn't exist …«), 299 f.
49 Für eine Analyse solcher Verrutschungen des weiblichen Organs z.B. in die Seitenwunde Christi hinein vgl. E. v. Samsonow: »Die verrutschte Vulva«. - In: SexPolitik. Lust zwischen Restriktion und Subversion. Hrsg. v. Doris Guth u. Elisabeth v. Samsonow. Wien: Turia + Kant 2001, 159-180. Dass das, was da durch die Einwirkung eines theologisch-mystischen Kräftefelds verrutscht ist, in erster Linie das Organ des Lebenspendens ist, hat Konrad Burdach in einer weitausholenden Untersuchung gezeigt: Konrad Burdach: Der Gral. Forschungen über seinen Ursprung und seinen Zusammenhang mit der Longinuslegende. Stuttgart: Kohlhammer 1938 (= Forschungen zur Kirchen- und Geistesgeschichte, Bd. 14), 1-48. Vgl. auch Carolee W. Bynum: »Der Leib Christi im Spätmittelalter - eine Erwiederung auf Leo Steinberg«, in: Fragmentierung und Erlösung. Geschlecht und Körper im Glauben des Mittelalters. Übers. v. Brigitte Große. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1996 (= es 1731), 61-108, für eine Kritik an einer eingeschränkt sexualisierten Lesart dieser Verrutschungen durch einen neueren Autor.
50 Vgl. z.B. Gilles Deleuze: »Postskriptum über die Kontrollgesellschaften«, in: Unterhandlungen 1972-1990. übers. v. G. Roßler. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1996 (= es 1778), 254-262.
51 Giorgio Agamben: Homo sacer, op. cit. (Anm. 14), S. 93: »Souverän ist die Sphäre, in der man töten kann, ohne einen Mord zu begehen und ohne ein Opfer zu zelebrieren, und heilig, das heißt tötbar, aber nicht opferbar, ist das Leben, das in diese Sphäre eingeschlossen ist. […] Heilig, das heißt tötbar und nicht opferbar, ist ursprünglich das Leben im souveränen Bann, und die Produktion des nackten Lebens ist in diesem Sinn die ursprüngliche Leistung der Souveränität.«
52 Vgl. Agamben, Homo sacer, 121 u. 124, sowie den Abschnitt über das »Lager als nómos der Moderne«, S. 175 ff.
53 ibid., 61-70.
54 Artaud, »Schluss mit dem Gottesgericht«, op. cit. (Anm. 8), 29, Hervhbg. S. W.
55 Vgl. in diesem Sinn eine Art von »Definition« des Werdens in den Tausend Plateaus, 371: »Werden heißt, ausgehend von Formen, die man hat, vom Subjekt, das man ist, von Organen, die man besitzt, oder von Funktionen, die man erfüllt, Partikel herauszulösen, zwischen denen man Beziehungen von Bewegung und Ruhe, Schnelligkeit und Langsamkeit herstellt, die dem, was man wird und wodurch man wird, am nächsten sind.«
56 Vgl. die Einführung des Begriffs »basteln« als Beschreibung der Praxis des »wilden Denkens«, mit vorgefundenem semiotischen Material zu arbeiten, bei Claude Lévi-Strauss: Das wilde Denken. Übers. v. H. Naumann. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1986 (= stw 14). Lévi-Strauss betrachtet die »mythische Reflexion«, nicht ohne unausgesprochene Analogie zu seinem eigenen strukturalistischen Diskurs, »als eine intellektuelle Form der Bastelei« (S. 35): im mythischen Denken werden pausenlos Signifikate als Signifikanten, Zwecke als neue, der gerade sich stellenden Aufgabe angepasste Mittel eingesetzt (S. 34), so dass sich die leicht paradoxe »Vorstellung einer Logik, deren Begriffe in Abfällen und Bruchstücken, Spuren psychologischer oder historischer Vorgänge bestehen, die als solche jeder Notwendigkeit ermangeln« (S. 49), ergibt. Das ist wohl gleichzeitig, natürlich ante festum, eine sehr schöne Beschreibung des Vorgehens von Deleuze und Guattari in den Tausend Plateaus.
Top of page Back to overview
© for this page: Simon Wagner, 2006. Webdesign: Simon Wagner. Last update: 2007-07-26.
