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Orhan Veli or, modernity in Turkish poetry

An essay at the occasion of the 50th anniversary of Orhan Veli's premature death

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Orhan Veli (left) with friends Orhan Veli (left). Source unknown (old Turkish newspaper).

Der Fisch in der Rakı-Flasche

Vor fünfzig Jahren starb einer der ganz großen türkischen Dichter des vergangenen Jahrhunderts, Orhan Veli. Halb İstanbul war auf den Beinen, als sein Sarg zum Friedhof von Rumeli Hisarı transportiert und dort beigesetzt wurde. Im deutschen Sprachraum ist er leider so gut wie unbekannt geblieben.

Ein Dichtertod: Am 10. November 1950 soll Orhan Veli in Ankara spätnachts auf dem Nachhauseweg gewesen sein. Der Abend war beim Rakı verbracht worden. Auf dem Weg gab es Straßenbauarbeiten, ein Kanalloch war offen geblieben. Der nicht gerade nüchterne Dichter fiel hinein, schien sich aber nur am Bein verletzt zu haben. Er fuhr am nächsten Tag zu einem Freund nach İstanbul, fühlte sich aber plötzlich schlechter und starb, erst 36-jährig, am 14. November 1950 in einem İstanbuler Krankenhaus an einer Gehirnblutung.

Was im Falle irischer oder walisischer Poeten (Whisky!) für eine überreiche Mythenbildung gesorgt hätte, ist im Falle dieses so bedeutenden türkischen Dichters ohne Echo geblieben. Im deutschen Sprachraum verbindet man mit moderner türkischer Dichtung meist nur den Namen Nâzim Hikmet. Der innerhalb des Landes zumindest zu Lebzeiten einflussreichere Orhan Veli ist dagegen kaum ein Begriff. In Hans Magnus Enzensbergers »Museum der modernen Poesie« ist er nicht vertreten - wohl aber Hikmet mit 3 Gedichten. 1966 war bei Suhrkamp ein Auswahlband mit Gedichten Orhan Velis erschienen, wurde aber nie wieder aufgelegt oder gar als Taschenbuch verfügbar gemacht. Eine zweisprachige Ausgabe seiner Nachdichtung von Nasreddin Hoca - dem türksichen Till Eulenspiegel - erschien, kaum publikumswirksam, 1979, und 1985 bemühte sich ein Frankfurter Kleinverlag - Dağyeli - noch einmal um den Autor, aber offenbar auch nicht besonders erfolgreich. Jedenfalls scheint man verlagsseitig den 50. Todestag ungenutzt verstreichen zu lassen.

Dabei muss Orhan Veli zusammen mit Nâzim Hikmet als der große Erneuerer der türkischen Dichtung gelten. Der gesellschaftlichen Modernisierung, die durch Atatürks Reformen in Gang gebracht worden war, hat er ihre dichterische Entsprechung an die Seite gestellt. Fünf schmale Gedichtbände sind ab 1941 von ihm erschienen, und der Name des ersten ist Programm: »Garip«, zu deutsch »seltsam«, »fremdartig« (übrigens von der gleichen Wortwurzel abgeleitet wie die Wörter für »Westen« und für »Exil«). Seltsam im Sinne von neuartig und unangepasst, wie es das westliche Moderne inmitten der alten Strukturen und Denkweisen noch war. Dies war (obwohl sich die Gruppe um Orhan Veli in ihren ersten poetologischen Programmen gegen die agitatorische Verskunst Hikmets abgrenzte) ein wesentlicher gemeinsamer Punkt im Dichtungsverständnis von Orhan Veli und Nâzim Hikmet: die Abwehr gegen den verfeinerten, »dekadenten« Geschmack der osmanischen Dichtung ebenso wie die Abwehr gegen den romantischen Überschwang der nationalistischen jungtürkischen Bewegung. Auf sprachlicher Ebene hieß das: Bevorzugung eines einfachen und »reinen« Türkisch, das der gesprochen Sprache angenähert war und auf »elitäre« Wörter und Satzkonstruktionen arabischer und persischer Herkunft verzichtete. - Auf dichterischer Ebene war man auf der Suche nach einem Kalkül, das Nähe zur Wirklichkeit verhieß, man wollte Kontakt mit dem täglichen Leben und misstraute ehrenwerten, aber erborgten Gefühlen.
Orhan Velis Gedichte sind auf dem Feld der türkischen Lyrik sicher das kühnste Beispiel für ein Programm der dichterischen »Armut«, das auch in der westeuropäischen Moderne eine große Rolle spielte - man denke nur an Kafka -, und das der türkische Erzähler Yakup Kadri so formulierte:

»Das deutlichste Zeichen literarischer Kultur und literarischen Geschmacks, sein zuverlässigster Prüfstein ist die Nicht-Literarizität. Die Literatur zu fliehen, keine Literatur zu machen, sich im Geheimnis des nackten Worts wiederzufinden, das sind die Grundvoraussetzungen wirklicher Literatur.«

Die Revolte gegen Pomp und Fassade in Literatur und Kunst kann zu Beginn der Moderne als gemeinsame Basis aller Aufbruchsbewegungen und Strömungen gelten. Bei uns, einer weniger vom Wort geprägten, mehr ans Visuelle gebundenen Kultur, ist diese Revolte eher auf dem Gebiet der bildenden Kunst und Architektur ins allgemeine Bewusstsein gedrungen - nehmen wir als Beispiel das Gebäude am Michaelerplatz in Wien von Adolf Loos: Dieses »Haus ohne Augenbrauen«, wie es bald genannt wurde, hat Reaktionen hervorgerufen, die sich mit denen auf Orhan Velis Gedichte genau vergleichen lassen. Berümt geworden ist in diesem Zusammenhang Orhan Velis »Grabsteininschrift«, und von den vielen schmähenden Stimmen, die sich, neben einer Handvoll von preisenden, erhoben, sei nur eine zitiert:

»Das Versmaß ist weg, der Reim ist weg, der Sinn ist weg… Wir mussten mitansehen, wie Kunstzwerge, in deren Brust Höllenfeuer lodern, sich schminken, Glöckchen umhängen und scheppernd spielen. Das Armenheim der Kunst und ihr Narrenhaus haben sich an der Hand genommen und auf den Seiten einiger Journale ihre Herrschaft errichtet. Ich lade euch [angesprochen ist die »türkische Jugend«, S.W.] ein, dieser Schamlosigkeit ins Gesicht zu spucken!«

Das angeschwärzte Gedicht (von 1938) handelt in wenigen Zeilen vom Leben eines Herrn Süleyman, das so inhaltsleer verläuft, dass sogar ein quälendes Hühnerauge eine Art Abwechslung und Interesse hervorrufen kann. Die Entrüstung des feinfühligen Publikums konnte sich wieder auf ein körperliches Merkmal stützen, auf eine Art Nacktheit, die man zuvor besser unter Kleidern und Draperien versteckt hatte. Diesmal waren es nicht fehlende Augenbrauen, sondern das Hühnerauge, das unverschämterweise beim Namen genannt wurde. Auch die als unpassend empfundene Einbindung einer solchen Blöße in den hochkulturellen Kontext ist die gleiche. Das Gebäude von Loos mit seiner der architektonischen »Wahrheit« verpflichteten Fassadengestaltung stach am Michaelerplatz, gegenüber der barocken Hofburg, nur um so stärker ins missbilligende Auge, und Orhan Velis Gedicht entfaltete seine zusätzliche Kontrastwirkung durch den archaisierenden Titel (der auch als ein ironisches Abstandnehmen vom osmanischen Sprachgebrauch der Gebildeten gedeutet werden kann): »Kitâbe-i Seng-i Mezar«, zu deutsch Grabsteininschrift, besteht aus zwei arabischen und einem persischen Wort und zwei persischen Genetivkonstruktionen; der türkische Anteil ist also gleich Null, und man könnte diese Verhältnisse in einer Art Deutsch ziemlich adäquat mit »Epitaphium« wiedergeben - was auch kaum noch jemand versteht.

Immerhin hatte der Aufruhr den Effekt, Orhan Veli berühmt zu machen. Die letzte Zeile des Gedichts, »Yazık oldu Süleyman Efendi'ye«, Schade um Herrn Süleyman, wurde zu einem geflügelten Wort, zu einer Mode, die bis in die Straßenbahnen, die »Vapur« - also die Linienschiffe über den Bosporus - und die Teehäuser drang. Einige Jahre später sollte eine andere Gedichtzeile Orhan Velis - »Bir de rakı şişesinde balık olsam«, wenn ich doch Fisch in einer Flasche Rakı wäre - ähnliche Berühmtheit erlangen. Auch hier wurde eine Art Tabu, eine Regel des »Decorum«, verletzt: nicht dass man etwa nicht Rakı getrunken hätte. Aber man hatte nicht darüber gesprochen - schon gar nicht in einem Gedicht.

Es hieße aber, sich's zu leicht zu machen, wenn man den »Erfolg« von Orhan Velis Gedichten alleine der werbekräftigen Empörung seitens des gebildeten Publikums oder einer Art von »épatez les bourgeois« seitens Orhan Velis zuschreiben würde. Eine Verszeile wie »Ach, kämen sie doch wieder, die Blüten der Jugend«, hätte sich eben nicht von Mund zu Mund verbreitet. Nicht ein womöglich kalkulierter Effekt einer literarischen Fehde, sondern jene sehr bewusste Poetik war es, die den Weg ins »Volk« ebnete (wenn man auch sagen muss, dass es hauptsächlich die »Leute von der Straße« İstanbuls waren und kaum die Dörfler Anatoliens). Orhan Veli verzichtet auf edle Helden genau so wie auf schmückende Adjektive, auf eine Ästhetisierung von Gefühlen oder Lebenslagen genau so wie auf Versmaß und Reim. Das Poetische vor allem der frühen Gedichte besteht in der - oft noch spürbaren - Anstrengung, nicht um die Dinge herumzureden, in einer Geradlinigkeit, die auch im Leben des Dichters ihre Parallele hatte.

Dieses entsprach seiner dichterischen Haltung: Orhan Veli war bekannt dafür, am liebsten mit Leuten aus den unteren Schichten, aus dem »einfachen Volk« zu verkehren, z. B. mit dem einbeinigen Monteur Sabri, nach dem auch ein Gedicht benannt ist. Das mag für einen Dichter, der eines der besten Gymnasien İstanbuls, das Galatasaray Lisesi, besucht hat, der Philosophie (wenn auch nicht fertig) studiert hat und der Fuzûlî - einen Diwan-Dichter aus dem 16. Jahrhundert - als größten türkischen Dichter nennt, immerhin erstaunlich sein. Es handelte sich dabei auch nicht um eine Dandy-Mode, die man aufgibt, sobald es unangenehm wird - was aus der Tatsache hervorgeht, dass diese Affinität in den fünf Jahren, die ihm nach dem Krieg noch blieben, zu einem Engagement geworden ist. Seine Anstellung als Übersetzer beim türkischen Kulturministerium kündigte Orhan Veli 1947, als nach der Neubesetzung des Ministerpostens, wie er sagte, ein »zunehmend undemokratischer Wind« zu wehen begann. Ab Anfang 1949 gab er praktisch im Alleingang 24 Nummern der Zeitschrift »Yaprak« (Das Blatt oder Blätter) heraus, in der nicht nur Gedichte erschienen, sondern auch kulturpolitische Stellungnahmen zu Vorgängen in der damals zunehmend reaktionären innenpolitischen Szene der Türkei. Wäre nicht der dürftige Umfang dieser Publikation und das vergleichsweise geringe Echo, man könnte sie mit Karl Kraus' »Fackel« vergleichen.

Aber auch Orhan Velis Gedichte änderten sich, formal ebenso wie inhaltlich. Während in den frühen Gedichten der »Mann aus dem Volk« oder die »Frau aus dem Volk« nur als Einzelne/r, als Individuum auftauchte, werden in den späteren Gedichten immer häufiger kollektive Erfahrungen als solche thematisiert. So zum Beispiel in dem Fünfzeiler »Inmitten von« aus Orhan Velis letztem Gedichtband, »Karşı« (Entgegen):

meere haben wir, inmitten des lichts;
bäume haben wir, inmitten von laub;
wir laufen und laufen, von früh bis spät, und her und hin;
hier unsere meere, da unsere bäume,
inmitten - von nichts.

Man erkennt, dass Orhan Veli parallel zur inhaltlichen Neuerung begonnen hatte, formale Elemente wie Wortwiederholung, Assonanz und Reim aus der Volksdichtung zu übernehmen und in seine Dichtung einzubauen. Er blieb also nicht beim Niederreißen alter Formen aus der Zeit von »Garip« stehen. Als Dichter war er dichterischen Formen verpflichtet, aber er wollte diese Formen kräftig und mit Gegenwart erfüllt.

So passt es auch ins Bild, wie wenig sich Orhan Veli, der durch seinen Bildungsgang doch immer nach Frankreich geblickt hat, mit den zeitgeistigen »Ismen« (Surrealismus, Existenzialismus usw.) eingelassen hat. Wieder wird man hier auf sein ganz besonderes, so sehr ohne Wunschvorstellungen auskommendes Gespür für die eigene Wirklichkeit verwiesen. Der appeal, den diese Strömungen für viele Intellektuelle hatten, verbarg ihm nicht, dass es sich - relativ zur kulturellen Situation seines Landes und seiner Epoche - um aufgesetzte Importe handeln musste. In einer 1959 auf Türkisch erschienenen Anthologie »Zeitgenössische französische Lyrik«, in der sich auch Übertragungen Orhan Velis finden, sind es nicht die »großen« Namen (wie Éluard und Breton), denen er sich widmet, sondern unabhängige Einzelgänger wie Henri Michaux, die er für seine eigene Sprache hat gewinnen wollen.

Orhan Veli's tomb. Photo by Simon Wagner Orhan Veli's tomb. Photo: Simon Wagner.

Sait Faik, der »Vater« der modernen türkischen Kurzgeschichte, ein enger Freund und guter Zechkumpane Orhan Velis, hat kurz nach dessen Tod eine Art »Gespräch in der Erinnerung« verfasst. Es gibt wohl keinen anderen Text, der so treffend und gleichzeitig so wenig pathetisch den Verlust fühlbar macht, den der frühe Tode dieses großen Dichters bedeutet:

»Irgendwo hatte ich etwas gelesen: ein französischer Journalist konnte, wenn er vom Tod eines geliebten Freundes sprach, keine Verbformen der Vergangenheit gebrauchen. Aus dem gleichen Grund kann auch ich sie nicht verwenden. Wieviele Lebende gibt es nicht, deren Erzählungen und Abhandlungen in Zeitungen herauskommen und deren Gedichte die Spalten der Zeitschriften füllen. Von all dem können wir nach Belieben mit »war«, »soll gewesen sein« reden. Über uns alle wird eines Tages mit »war« gesprochen werden, aber von ihm wird immer wie von einem Lebenden die Rede sein: er ist der Meister meiner Sprache, ein Dichter, wie sie so selten kommen, mein Herzblut Orhan.«

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